Wie Neofaschisten ticken

Bündnis Odenwald gegen Rechts zeigt Plakate im Mömlinger Rathaus – Vernissage sorgt für Gesprächsstoff

Im Mömlinger Rathaus: Die Ausstellung 'Neofaschismus in Deutschland'. Foto: Julia Preißer

Mömlingen. Aktueller könnte das Thema nicht sein. Die Wanderausstellung, die derzeit im Mömlinger Rathaus gastiert, trägt den Titel „Neofaschismus in Deutschland“. Das Bündnis Odenwald gegen Rechts hat die Ausstellung am Dienstagabend eröffnet – zwei Tage nach den gewalttätigen Ausschreitungen von Hooligans und Rechtsextremen in Köln.

Die Exponate vermitteln einen Eindruck davon, wie Neofaschisten ticken - ein Beispiel: An der Wand der historischen Rathaushalle hängt ein Wimmelbild, wie man es normalerweise aus Kinderbüchern kennt. Doch dieses Wimmelbild ist nicht für Kinder gedacht. Es zeigt den Querschnitt eines Hauses auf dessen Tür „Nur für Deutsche“ steht. Ein Türsteher in Militärhose und Bomberjacke bewacht das Haus. Darinnen sieht der Betrachter mehrere Szenarien: Ein Mann probiert Uniformen an, eine Skinhead-Band probt in der Garage, in der Hausbibliothek lesen Männer faschistische Bücher und auf dem Dachboden steht unter einer Glasglocke eine Büste von Adolf Hitler.

Skurril ist aber vor allem, was vor dem Haus passiert. Zwei Dutzend Polizisten säumen die Straße, bewachen in Helm und Einsatzmontur eine Demonstration. Doch die Gruppe zieht friedlich vorbei. Auf ihren Schildern steht „Keine Stimme den Nazis“ oder „Kein Mensch ist illegal“. Polizisten, die Faschisten abschirmen? Das Wimmelbild will zum Nachdenken anregen, ebenso wie die anderen Ausstellungsplakate. Ideologie, Geschichte und Aktualität des Faschismus werden hier dargestellt.

„Wir sprechen bewusst von Neofaschismus und nicht von Rechtsextremismus“ sagt die Ausstellungsorganisatorin Irmhild Rittmeyer. „Rechtsextremismus klingt nach einer Randerscheinung, doch Faschismus ist mitten unter uns.“ Das Bündnis Odenwald gegen Rechts will seit 13 Jahren für die Gefahren von Faschismus sensibilisieren. „In Mömlingen wurden in der Vergangenheit neofaschistische Tendenzen eher verschwiegen, anstatt sich diesen in den Weg zu stellen“ steht auf der Website des Bündnisses.

Die Mitglieder spielen mit dieser Aussage auf den Mömlinger Frühlingsmarkt 2007 an. Damals hatte das Bündnis einen politischen Infostand beantragt, was jedoch von Altbürgermeister Edwin Lieb nicht bewilligt worden war. Lieb argumentierte, dass ein solcher Stand gewaltbereite rechtsextremistische Gruppierungen erst recht mobilisieren würde. Auch die Polizei befürchtete, die Sicherheit der Marktbesucher nicht gewährleisten zu können. Einen Monat später bekam das Bündnis die Gelegenheit in Mömlingen vor dem Rathaus zu informieren.

Die derzeitige Ausstellung wurde von einem Mömlinger Bürger angeregt, der von einer „starken rechten Szene in der Gemeinde“ spricht. Bürgermeister Siegfried Scholtka stellte auf der Vernissage klar, “dass in den letzten zehn Jahren keine Straftat mit rechtsextremem Hintergrund in Mömlingen stattfand. Trotzdem muss man wachsam sein.“ Die Ausstellung sei wichtig, weil sie daran erinnere, in welcher Freiheit man heute lebe. „Jeder Extremismus ist schädlich – egal ob rechts- oder linksgerichtet“, so der Bürgermeister.

Auch Landrat Jens Marco Scherf stellte Freiheit und Demokratie in den Mittelpunkt seiner Rede. Beides sei in vielen Ländern nicht selbstverständlich, was die große Zahl an Flüchtlingen demonstriere. „Dem Landkreis liegt der Einsatz gegen die Unterwanderung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung sehr am Herzen“, so der Landrat. Er erinnerte an das Jahresmotto der Kommunalen Jugendarbeit „Eine ganze Region gegen Rechts“ und an die kürzliche Ausstellung in der Miltenberger Berufsschule zum Thema „Demokratie stärken – Rechtsradikalismus bekämpfen“.

Störungen der Vernissage durch die rechte Szene gab es nicht. Für Gesprächsstoff im Anschluss sorgte die Rede von Bürgermeister Siegfried Scholtka. Einigen der Eingeladenen stieß sauer auf, dass Scholtka nicht konkret auf die Situation in Mömlingen eingegangen war und die Gefahren von Rechts- wie Linksextremismus gleichermaßen in seiner Rede thematisiert hatte.

Besucher können die Ausstellung bis zum 15. November zu den Öffnungszeiten des Rathauses sehen. Führungen bietet das Bündnis Odenwald gegen Rechts auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten an. Anfragen hierzu sind unter info@odenwald-gegen-rechts.de möglich.

Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes:

Das Bündnis Odenwald gegen Rechts ist der Vor-Ort-Veranstalter der Ausstellung „Neofaschismus in Deutschland“. Konzept und Plakate stammen von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA). Das Bündnis Odenwald gegen Rechts hat die Materialien von der VVN-BdA ausgeliehen. Die VVN-BdA ist nach eigenen Angaben die größte antifaschistische Organisation in Deutschland. Opferverbände nach dem Zweiten Weltkrieg haben sie 1947 gegründet – damals noch unter dem Namen VVN. Während des Kalten Krieges kam es zu erheblichen politischen Auseinandersetzung um die Vereinigung. Im Westen galt sie als KPD-dominiert, im Osten unterstellte man Mitgliedern Spionagetätigkeit. Viele Mitglieder verließen daraufhin die Vereinigung. In der DDR wurde sie 1953 aufgelöst und durch das Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer ersetzt. Seit 2002 gibt es eine gesamtdeutsche Vereinigung unter dem Namen VVN-BdA.

Erschienen am 31. Oktober 2014 im Main Echo 
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