B469 als Wachstumsmotor

Wirtschaft: Niedernbeg entwickelt sich seit 50 Jahren rasant vom Provinznest zum Industriestandort

Blick auf das Industriebegiet Rüttelweg: Industrieriesen wie die Gries Deco Company bringen Arbeitsplätze und Steuerkraft nach Niedernberg. Foto: Julia Preißer

Niedernberg. Vom beschaulichen Nest zu einer der drei wirtschaftsstärksten Gemeinden des Landkreises: Niedernberg hat in den letzten Jahren ein rasantes Bevölkerungswachstum und einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Noch in den 1960er Jahren prägten Landwirtschaft und Heimschneiderei das Bild.

“Ein paar Niedernberger arbeiteten auch bei der Glanzstoff in Obernburg. Sonst gab’s hier nix”, weiß Heimatpfleger Albert Wagner. “Richtig los ging es Ende der 60er mit dem Bau der B 469.” Kurz zuvor hatte Niedernberg das erste Industriegebiet ausgewiesen. Ein guter Schachzug, denn Billigtextilien aus dem Ausland machten es den Heimschneidern zusehends schwer. Zeitgleich gaben viele Landwirte ihre Felder auf und fanden Arbeit in der Industrie.

Der erste Industrielle vor Ort war Metallbauer Manfred Wanzke, der seinen Betrieb 1970 von Aschaffenburg nach Niedernberg verlegte. "Das war gar nicht so leicht", erinnert sich der heute 76-Jährige. "Ich habe mir 41 Einzelgrundstücke zusammengekauft - das kleinste nur 30 Quadratmeter. Damals war fast nichts erschlossen. Um Strom musste ich mich selbst kümmern."

Für die bald florierende Metallbranche in der Gemeinde war Wanzke Pionier. “Ich habe den Maschinenbau nach Niedernberg gebracht”, sagt er. Ihm folgten Betriebe wie die G+K Umformtechnik, Maschinenbau Schwind und die Firma ABI, die heute mit 250 Mitarbeitern zu den größten Arbeitgebern zählt.

Nicht nur Metall gab Niedernberg ein Gesicht. Am Ortseingang türmen sich die Kiesberge von Stix. Den Kiesgruben von Johann Weitz verdankt Niedernberg den Honisch Beach. Weitz gründete auch das Seehotel.

In nur zehn Jahren stieg die Einwohnerzahl um 40 Prozent. “Wir wuchsen damals jede Dekade um ca. 1000 Einwohner”, sagt Bürgermeister Jürgen Reinhard. Heute leben in Niedernberg 5000 Menschen. “Unsere Erfolgsfaktoren sind Lage und Anbindung zur A3. Außerdem macht die ebene Fläche das Bauen günstig.”

Doch Niedernberg erlebte auch Tiefschläge. Als 2001 der größte Arbeitgeber M+S Elektronik Insolvenz anmeldete, gingen 800 Arbeitsplätze am Standort verloren. “Ich sah zu, als die Dienstfahrzeuge abgegeben wurden. Das war schon ein trauriges Bild”, erzählt Jürgen Reinhard. Mittlerweile jedoch habe man den Verlust an Arbeitsplätzen und Steuerkraft bei weitem wieder eingeholt.

Nicht zuletzt brachten der Automobilzulieferer AIS knapp 100 und die Gries Deco Company (Depot) etwa 500 Arbeitsplätze nach Niedernberg. “Wir sind gewachsen ohne Ende”, sagt Reinhard. “Doch das kann nicht ewig so weitergehen.” Schon jetzt sind fast alle Grundstücke der mehr als 85 Ha großen Industriefläche verkauft. 550 Firmen gibt es vor Ort.

Reinhard blickt zuversichtlich in die Zukunft, gibt jedoch zu bedenken: “Wir müssen wohlüberlegt und sparsam mit der Verteilung der Grundstücke umgehen.” Interessenten gibt es schon: Ein Franchise-Unternehmen und eine Craft-Brauerei möchten in der Gemeinde ansiedeln.

Hintergrund: Standortfaktoren als Erfolgsgeheimnis

Ob sich ein Unternehmen in einer Kommune ansiedelt, darüber entscheiden die Standortfaktoren. Sogenannte harte Standortfaktoren sind messbar. Darunter zählen zum Beispiel die Verkehrsanbindung, die Lage zu den Bezugs- und Absatzmärkten, die Energiekosten und Steuern sowie die verfügbare Fläche. Auch weiche Standortfaktoren sind für die Industrie von Bedeutung - etwa das Image der Region, das Milieu oder die Arbeit von Wirtschaftsverbänden. Zudem spielt die Lebensqualität der Mitarbeiter eine Rolle: Schulen, Bibliotheken, Schwimmbäder und andere öffentlichen Einrichtungen sind ebenso wichtig, wie ausreichend Wohnfläche. jup

Erschienen am 1. März 2018 im Main Echo 
Dynamisch und anmutig
Zur Liste
Heimatlosen Streunern ein Zuhause geben