Ein Dach überm Kopf auf Zeit

Obdachlosenhilfe: Quartiere in Miltenberg und Obernburg bieten Wohnungslosen Unterkunft - Schicksalsschläge und Schulden als Ursachen

Frieren bei Minusgraden: Dreihundert Kältetote verzeichnete Deutschland in den vergangenen dreißig Jahren — die meisten sind Obdachlose. Und die gibt es nicht nur in großen Städten, wie hier in Darmstadt, sondern auch in ländlichen Gebieten wie dem Landkreis Miltenberg. Foto: Julia Preißer

Kreis Miltenberg. Dass Ali Ahmed (Name von Red. geändert) in dieser Nacht ein warmes Bett hat, ist nicht selbstverständlich. Der 31-Jährige schlief bis vor wenigen Tagen bei minus fünf Grad unter einer Brücke. Nun haben sich Caritas und Ordnungsamt um den Flüchtling gekümmert und ihm ein Zimmer im Obernburger Obdachlosenhaus zugewiesen. Obwohl in regionalen Aufnahmeeinrichtungen Plätze frei sind, leben viele Menschen auf der Straße. Die Gründe sind vielfältig.

“Viele kommen erst, wenns gar nicht mehr anders geht”, sagt Martin Roos vom Ordnungsamt der Stadt Obernburg. Es sei oft Scham, die Menschen abhalte, Hilfe zu suchen, Nicht jeder, der plötzlich seine Wohnung verliert, komme aus schlechten Verhältnissen. Doch die meisten der Wohnungslosen hätten eine schicksalshafte Geschichte zu erzählen, so Roos.

Da ist die junge Frau, die ihre Miete nicht bezahlen konnte und aus der Wohnung geklagt wurde. Oder der Mittdreißiger, der Geld und Wohnung für Rauschgift aufs Spiel setzte. Manchmal sind die Gründe auch lapidar: Ein Paar mit gemeinsamer Wohnung trennt sich, sie schmeißt ihn raus. “Vor allem sind es junge Männer”, sagt Roos. “Die meisten sind einfach vom Weg abgekommen - abgedriftet.”

Bei Ali Ahmed war es anders. Sein Weg in Deutschland begann vielversprechend. Der Asylantrag wurde genehmigt, er fand Arbeit in Schweinfurt, verließ die Obernburger Flüchtlingsunterkunft und zog in seine eigene Wohnung. Dann wurde ihm überraschend gekündigt. Er kam zurück in den Landkreis Miltenberg, wohnte bei einem Freund. Warum er schließlich unter der Brücke schlafen musste, weiß auch Martin Roos nicht.

In Deutschland leben rund 880.000 Wohnungslose, schätzt die Hilfsorganisation Malteser. Als wohnungslos gilt offiziell, wer vorübergehend keine feste Bleibe hat, bei Freunden, in Notunterkünften oder staatlich finanzierten Wohnheimen lebt. Dagegen haben die etwa 50.000 Obdachlosen weder einen festen Wohnsitz, noch eine Unterkunft. Sie schlafen auf der Straße, in Parks, U-Bahnstationen und Bushäuschen.

Obdachlose leiden unter der Kälte, aber oft auch unter Hunger. Wer weder Konto noch Postadresse hat, kommt schwer an Hartz 4. Soziale Einrichtungen wie die Caritas bieten vielerorts Postkästen für Menschen an, die kein Zuhause haben. Der Caritasverband Miltenberg zahlt außerdem im Auftrag des Jobcenters durchreisenden Wohnungslosen einen Tagessatz von rund 13 Euro.

Gustav Pechtold betreut Wohnungslose im Auftrag des Caritasverbands. Er weiß: “Wer einmal obdachlos ist, kommt so schnell nicht wieder auf die Beine.” Arbeit und eine Wohnung zu finden, sei für obdachlose Menschen schwer. “Das ist eine Abwärtsspirale.” Alkohol sei selten das Problem, vielmehr Verschuldung und Wohnungsnot.

Bezahlbarer Wohnraum ist knapp. Bund, Länder und Kommunen haben in den vergangenen Jahren staatlich geförderte Wohnungen privatisiert, um sich nicht weiter zu verschulden. So gingen 2013 bei der Beinahe-Pleite der Bayerischen Landesbank rund 33.000 Immobilien in private Hände über.

Obdachlosenunterkünfte sind oftmals nur einer von vielen Meilensteinen auf dem Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben. In Obernburg dürfen Wohnungslose bis zu einem Vierteljahr in den Unterkünften in der Oberen und der Unteren Gasse wohnen. Wer länger bleiben will, muss nachweisen, dass er sich um Arbeit bemüht. Die Miltenberger Unterkunft richtet sich an durchreisende Wohnungslose und wird für eine Nacht bewilligt.

Als spärlichen Luxus stehen den Wohnungslosen in den meisten Unterkünften im Landkreis Pritschen, eine Dusche und Kochmöglichkeiten zur Verfügung. Die Heizkosten übernehmen Landratsamt und Jobcenter, Strom müssen die Obdachlosen meist selbst zahlen. Ein regionaler Energieversorger bietet Strom auf Zeit an. Trotz aller gut gemeinter Hilfe, ist das Leben im Quartier entbehrungsreich. Für Wohnungslose wie Ali Ahmed gilt aber zunächst einmal: Gut durch den Winter kommen.

US-Politik als Vorbild

“Housing First” heißt eine Initiative der US-amerikanischen Sozialpolitik. Damit gelingt es der USA, die Zahl der Obdachlosen zu senken. Ein Bürger, der seine Bleibe verliert, erhält einen neuen, dauerhaften Wohnsitz. Der Ansatz basiert auf der Annahme, eine obdachlose Person brauche zunächst eine stabile Unterkunft, um andere Angelegenheiten lösen zu können. Herkömmliche Programme arbeiten hingegen mit dem Modell “Wohnfähigkeit” und wollen zunächst Probleme lösen, die zur Obdachlosigkeit geführt haben - etwa Verschuldung und Sucht. Mit “Housing First” konnten US-Städte wie Salt Lake City die Obdachlosigkeit um knapp 80 Prozent senken. Metropolen in Kanada, Frankreich, Portugal, den Niederlanden, Dänemark und Österreich kommen auf ähnliche Ergebnisse. Mit der Wohnungsinitiative verbesserte sich nicht nur die Gesundheit der Programmteilnehmer, auch Alkoholkonsum und Kriminalitätsrate gingen zurück, während die Bereitschaft für Therapieangebote stieg. Modellversuche laufen momentan auch in Berlin und Hamburg.

Erschienen am 25. Januar 2019 im Main Echo 
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