Sommerregen lässt Pilze sprießen

Experte Markus Lorenz freut sich über frühen Saisonstart und gibt Bestimmungs-Tipps

Foto: Julia Preißer

Miltenberg-Berndiel. Der Boden knirscht und raschelt. Die Füße suchen sich einen Weg über Geäst und Moos. Einmal durchatmen und den Blick über den Waldboden schweifen lassen. Ein Steinpilz thront auf dem Moos. Das Prachtexemplar ist früh dran in diesem Jahr. Der Regen Mitte Juli hat die Pilze sprießen lassen. Zur Freude der Pilzsammler, die nun durch die Wälder streifen.

Eine handgroße Menge dürfen private Sammler pflücken. So viel, wie auf einen Teller passt. Denn viele der Pilze, die es dieses Jahr in Fülle gibt, stehen auf der roten Liste. Auch der beliebte Pfifferling ist dabei. Der Speisepilz gilt bereits als Rarität. Pilze sind an ein empfindliches Ökosystem gebunden. Als Mykorrhiza-Pilze bezeichnet man Exemplare, die sich mit den Wurzeln von Pflanzen verbinden und so eine Lebensgemeinschaft eingehen - in der Fachwelt Symbiose genannt.

Auch der Pfifferling ist ein Mykorrhiza-Pilz. Als Lebenspartner sucht er sich bevorzugt Fichten und Rotbuchen. Manchmal ist er flexibler und gönnt sich eine nette Symbiose mit einer Tanne. Einseitige Waldbewirtschaftung, Trockenheit und Überpflückung sind dem Pfifferling nach und nach zu Leibe gerückt. Pilz-Experte Markus Lorenz weiß um das Problem der Pfifferlinge und hütet ein Geheimnis.

Vor kurzem erst hat Lorenz in einem Waldstück eine ganze Schar der köstlichen Speisepilze ausfindig gemacht. Doch auch wenn er sein Wissen normalerweise bei Pilzführungen weitergibt, bleibt die Pilz-Oase diesmal unter Verschluss. Es gäbe schon zu viele Pilzarten, die verschwunden seien, sagt er.

Den Parasolpilz, der roh zwar giftig ist, in gegarter Form aber zur Delikatesse wird, habe … nur ein einziges Mal gesehen. Da war er Kind und hatte die Pilzbestimmung gerade zu seinem Hobby erklärt. Seitdem hat er sich weitergebildet - als Autodidakt, über Bücher und Vorträge. Heute lehrt er an der Miltenberger Volkshochschule. Beruflich zieht es ihn demnächst weg aus dem Landkreis.

Man könnte es fast einen Wink des Schicksals nennen, dass gerade sein letztes Jahr als nebenberuflicher Pilzberater auf die ergiebigste Ernte hoffen lässt. “Dieses Jahr war ein totales Ausnahmejahr”, so Lorenz. Vor allem die Dauer der Niederschläge sei den Pilzen zugute gekommen.

Sollte auf den Starkregen-Sommer ein trockener Hitzesommer folgen, wird sich die Zahl der Pilze wieder dezimieren. Das Fatale: Mykorrhiza-Pilze kann man nicht im Treibhaus züchten. Ohne ihren Lebenspartner, den Baum, verkümmern sie. Der Pilz, so könnte man meinen, ist ein Romantiker - hoffnungslos.

Die Romantiker haben vor 200 Jahren den Wald zum Sehnsuchtsort erklärt. Dem Pilz kam eine besondere Rolle zu: Als mystisches Motiv nationaler Schauermärchen konnte er dem Held zum Heil oder Verhängnis werden. Ein Jahrhundert später war auch dem leidenschaftlichen Spaziergänger Günter Grass der Wald “Zum Fürchten”. In seinem gleichnamigen Gedicht schrieb er: “Viele Pilzkenner sterben früh und hinterlassen gesammelte Notizen.”

Notizen für die Nachwelt? Heute kumuliert sich in Büchern, was manchem Sammler das Leben retten kann. Als leichte Lektüre für Einsteiger empfiehlt Pilz-Experte Markus Lorenz “Das 1 mal 1 des Pilzesammelns”. Fortgeschrittenen hilft “Der große BLV Pilzführer”. Merkmale, Vorkommen, Verwechslungsgefahr: beide Bücher helfen Hobby-Sammlern bei der Bestimmung.

Von Scanner-Apps wiederum hält Lorenz wenig. “Eine App, die so seriös ist, dass sie einem sagen kann, ob der Pilz, den man in der Hand hält, giftig ist oder nicht, gibt es nicht.” Linse, Schärfe, Winkel und Lichtverhältnisse: zu viele Parameter, zu hoch die Fehleinschätzung vieler Apps. Fatale Fehler, die der Pilzsammler schlimmstenfalls mit dem Leben bezahlen muss.

Lediglich Apps, die nur Hinweise geben aber keine vorschnellen Entwarnungen aussprechen, kann der Pilz-Experte empfehlen. Etwa die App “Pilze 123 pro”, die mit rund 32 Euro aber teuer zu Buche schlägt. Bücher und Apps sind für Lorenz stets nur Hinweisgeber. Zwar ließen sich viele Pilze anhand makroskopischer Merkmale wie Größe, Form, Farbe oder Geruch bestimmen. Doch wer wirklich wissen wolle, was da am Boden wächst, müsse den Pilz unter der Lupe oder dem Mikroskop beäugen.

Erschienen am 4. August 2021 im Main Echo 
Biker, Rettungswagen und Schafherde über den Main schippern
Zur Liste
Burgen-Bastler am PC