Bagatelldelikte und Straßenpinkler

Michaelismesse in Miltenberg

Miltenberg. Das hätte er besser nicht getan. Straßenpinkeln ist kein Kavaliersdelikt. Der angesäuselte Mittvierziger muss mit zur Messewache. Polizeihauptkommissar Karl-Heinz Link hat den Michelsmessbesucher auf frischer Tat ertappt. Das sei nichts Ungewöhnliches, sagt der Polizist, der bei seinen Routinerundgängen mit Straßenpinklern rechnet. Ganz und gar nicht gewöhnlich ist allerdings, dass das „kleine Geschäft“ ein Nachspiel haben wird ...

Etwa 35 bis 75 Euro kostet eine Ordnungswidrigkeit wie das Urinieren an den Straßenrand in der Regel. Warum der besagte Messebesucher mehr zahlen muss, erfährt er später. Für Hauptkommissar Karl-Heinz Link ist der Einsatz um kurz vor 22 Uhr einer der ersten seiner Spätschicht. „Je länger der Abend und je höher der Alkoholpegel, desto mehr kann passieren“, sagt er. Harmlose „Bierzeltdelikte“, wie mutwillig verschütteter Gerstensaft auf die Hose des Nebenmanns, hat Link in seinen 15 Messejahren genauso erlebt, wie Diebstähle und ernsthafte Prügeleien.

Pro Messetag hat die Polizei 20 bis 40 Einsätze. Zwischen dem Bayerischen Bierabend am Donnerstag und dem bestbesuchten letzten Messesonntag können es auch mal 50 sein. Mit Pfefferspray, Schlagstock und Funkgerät gerüstet, macht sich Karl-Heinz Link ab 21 Uhr auf seinen ersten Rundgang. Die Ecke um Weindorf und Ausstellungszelt ist harmlos. Familien mit Kindern kämpfen sich im Gedränge nach draußen und machen Platz fürs Partyvolk in Lederhosen und Dirndl.

Link sieht auch in den dunklen Ecken nach, zwischen Main und Minigolfplatz zum Beispiel. Drogendealer hätten hier die besten Chancen und auch zum Kiffen ist die Stelle beliebt. Doch noch ist es zu früh – niemand da. Also weiter. Aus dem Funkgerät tönt Polizeifunk. Kaum zu verstehen bei dem Lärm aber Link trägt es nah am Ohr. Auch wenn es ihn nicht primär betrifft, muss er wachsam bleiben. Inzwischen ist es halb zehn. Der spätere Straßenpinkler kippt vielleicht gerade sein letztes Bier und verlässt das Festzelt.

Polizist Karl-Heinz-Link checkt im Zelt die Lage. Hier ist es heiß und miefig. Stramme Männerwaden und schlanke Frauenschenkel in Tracht hüpfen auf den Tischen. Die Stimmung ist schon mal gut. Und die Sicherheit? 3300 Menschen passen ins Zelt. Sicherheitswächter sollen verhindern, dass sich in den Durchgangsgassen die Menschen stauen. Noch schiebt sich die Masse zäh hindurch, Notausgangsschilder und gelbe Streifen am Boden weisen den Weg.

Vor dem Zelt trifft Link auf einen Siwa, einen Freiwilligen der Sicherheitswacht, die der Polizei während der Mess unter die Arme greift. Der Siwa trägt Fundstücke bei sich: ein Handy und einen Personalausweis. „Wohin?“ „Zur Messewache“, sagt Link und der Siwa spurtet davon. Als Hauptkommissar ist Karl-Heinz Link auf der Mess nicht unbekannt. Die Kollegen aus Aschaffenburg grüßen mit Handschlag, einige Besucher bleiben stehen, um ein paar Worte zu wechseln.

Präsenz zeigen will die Polizei. „Die Leute sollen sehen, dass wir da sind“, erklärt Link. Vor allem in der „Kernzone“ sei dies wichtig – im Zelt und vor dem Autoscooter. Dorthin geht es jetzt. Vier Jungs mit Baseballkappen – garantiert minderjährig – ziehen am Glimmstängel. Der Polizist lässt den Blick über die Anlage schweifen. Vermeintlich unauffällig verschwinden die Kippen hinter dem Rücken und werden fallengelassen. Ein 17-Jähriger hat nicht schnell genug geschaltet, nun steuert der Polizist auf ihn zu.

Erstmal bleibt es bei einer mündlichen Mahnung. Dem Polizeihauptkommissar ist es wichtig, die Jugend zu schützen, nicht sie zu bestrafen. „Bestraft werden kann der Wirt, der Alkohol an Minderjährige ausschenkt, nicht der Jugendliche, der ihn trinkt,“ sagt Link. Mittlerweile liegt der erste Messerundgang hinter ihm. Doch nicht nur das Messegelände wird in Augenschein genommen.

Ein besonders beliebter Ort für kleine Bagatelldelikte ist die Bushaltestelle. Mann gibt sich hier offenbar ungenierter, als auf dem Festgelände. Um Peinlichkeiten vorzubeugen, hat die Stadt neben den obligatorischen Toilettencontainern zusätzlich Urinale aus Plastik hinter Sichtschutzwänden aufgebaut. Vermutlich hat der Straßenpinkler diese übersehen. Karl-Heinz Link lässt den Urinierenden zunächst „laufen“ – oder so ähnlich. Den Prozess, wie Link erklärt, wolle er nicht unterbinden.

Kaum fertig mit dem Geschäft, muss der Täter Rede und Antwort stehen. Die Frage nach Name und Wohnort scheint er wohl falsch verstanden zu haben. Wie sonst lässt sich die Falschaussage erklären? Zur Personalienüberprüfung nimmt der Polizist den Pinkler mit auf die Messewache. Hier genießt der Mann die Gesellschaft eines süßen Fundhundes, der im Gedränge verlorenging und nun auf sein Herrchen wartet.

Die Familie des Straßenpinklers ist mittlerweile erbost. Man wolle den Bus nach Hause erwischen. Genervt klärt die Ehefrau das „Missverständnis“ auf und nennt der Polizei den richtigen Namen. Jetzt darf sich der werte Herr über zwei Anzeigen freuen und das bei „so einer kleinen Ausgangslage“, wie es Link treffend beschreibt. Murrend geht’s für Mann und Anhang nach Hause. Der Fundhund, der darauf verzichtet hat, sein neues Revier zu markieren, findet seinen Weg ins Tierheim, sollte ihn keiner abholen. Für das Heim hat die Polizei während der Messezeit einen Ersatzschlüssel.

Auf der Messe Präsenz zeigen

Karl-Heinz Link sorgt als Polizeihauptkommissar für Ordnung auf der Michelsmess. Vor allem der Jugendschutz liegt ihm am Herzen. Julia Preißer sprach mit ihm über das Klischee der „Jungen Wilden“ und wann die Polizei auf der Messe zum Einsatz kommt.

Ein neues Sicherheitskonzept soll die Messebesucher schützen. Was wurde geändert?
Es geht um die sogenannte Entfluchtung, also darum wie wir Menschen im Gefahrenfall von A nach B bringen können. Die Loveparade 2010 in Duisburg ist hier das Negativbeispiel. Auf der Messe sind vor allem das Zelt an sich und der schmale Weg daran vorbei Problemfelder. Im Zelt direkt ist es so gedrängt, das Rettungskräfte im Ernstfall ein Problem haben, zu dem Verletzten hindurch zu kommen. Dieses Jahr haben wir gelbe Streifen auf dem Boden angebracht, um die Besucherströme zu kanalisieren. Wir versuchen außerdem mit mehr Ordnungskräften die Menschenmasse dort in Bewegung zu halten, damit sich kein Pulk ansammelt.

Wie viele Sicherheitskräfte sind täglich auf der Messe im Einsatz und was leisten sie?
Wir haben momentan etwa 15 bis 20 Beamte auf dem Messegelände und im Umfeld – also an den Bushaltestellen und den Besucherparkplätzen. Außerdem unterstützen uns sechs bis acht ehrenamtliche Bürger in der Sicherheitswacht. Auf der Messe direkt geht es vor allem um Gefahrenabwehr und Strafverfolgung – von Eigentums- bis zu Gewaltdelikten. Im Umfeld sorgt die Verkehrsstreife dafür, dass Behindertenparkplätzen und Rettungswege freigehalten werden. Außerdem überprüfen die Kollegen die Messeparkplätze hinsichtlich PKW-Aufbrüchen.

Stimmt das Klischee von den Jungen Wilden?
Das kann ich so nicht bestätigen. Strafdelikte auf der Messe ziehen sich durch alle Altersklassen. Was aber auffällt ist, dass immer mehr Alkohol von immer jüngeren Menschen getrunken wird. Wobei nicht gesagt ist, dass Jugendliche sich vor allem auf der Messe die Kante geben. Oftmals bringen sie bereits ihren Pegel mit, wenn sie herkommen. Auf der Fahrt zur Dienststelle habe ich heute auch wieder mehrere Jugendliche mit Proseccoflaschen gesehen. Ich denke, unsere Präsenz auf der Messe bewirkt, dass Minderjährige dort nicht mehr so viel trinken.

Erschienen am 02. September 2014 im Main Echo 
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