Hanauer Hinterbliebene zeigen wo sich Rassismus versteckt

Podiumsdiskussion: HSG-Schüler diskutieren mit den Hinterbliebenen eines rechtsextremistischen Terrorakts über Alltagsrassismus

Foto: Julia Preißer

Erlenbach. Mohrenkopf, Zigeunerschnitzel; etwas türken und dann hinter schwedischen Gardinen sitzen; fach-chinesisch reden, so dass es einem spanisch vorkommt. Alltagsrassismus fängt bei der Sprache an. Weit mehr als Rassismus im Alltag haben die Hinterbliebenen der Opfer des rechtsextremistischen Terrorakts vom 19. Februar 2020 in Hanau erlebt. In einer Gesprächsrunde am Mittwoch im Erlenbacher Hermann Staudinger Gymnasium (HSG) haben die Mutter eines Opfers sowie zwei seiner Freunde ihre Erlebnisse geschildert. Die SMV hatte die Veranstaltung mitorganisiert und damit ein Podium für Fragen und Antworten zum Thema Rassismus geschaffen.

Serpil Temiz Unvar, Maruf-Sinan Kuzhan und Ali Yildirim, die Hinterbliebenen von Hanau, wollen aufrütteln. Die Schüler, denen sie von ihren Erfahrungen berichten, sollen verstehen, wie und warum Rassismus entsteht, was ihn aufrechterhält und wie er die prägt, die ihn erleben. Mutter Serpil Temiz Unvar erzählt jungen Generationen ihre Geschichte, "damit diese sich niemals wiederholt". Ihr damals 23-jähriger Sohn Ferhat Unvar ist eines von insgesamt zehn Todesopfern des rechtsextremen Attentäters Tobias R. Ein halbes Jahr später gründete Serpil Temiz Unvar die "Bildungsinitiative Ferhat Unvar". Seitdem klären sie und ein ehrenamtliches Team Schüler in ganz Deutschland zum Thema Rassismus auf.

Die Geschichte des Terror-Opfers Ferhat Unvar zeigt beispielhaft, wie Rassismus in Gräueltaten gipfeln kann. Die drei Hinterbliebenen wollen aber auch den Rassismus im Alltag beleuchten, der vielfach "unter dem Radar" laufe. Mutter Serpil Temiz Unvar erzählt von Konflikten mit Lehrern und Ämtern. Als sie ihren jüngeren Sohn, Ferhats Bruder, auf dem Gymnasium angemeldet habe, sagte ihr der Direktor: "Ich nehme ihren Sohn, weil ich muss. Doch er wird es hier sowieso nicht schaffen." Die Mutter suchte ein anderes Gymnasium, der Sohn studiert mittlerweile.

Vorurteile und Diskriminierung kennen auch die beiden anderen Erzähler. Ali Yildirim (27) resümiert: "Wenn man solche Erfahrungen macht, schweißt das zusammen." Subkulturen, da ist Ali Yildirim überzeugt, seien auch eine Folge von Alltagrassismus. Ob sich nach dem Terrorakt in Hanau etwas geändert habe, fragt ein Schüler. "Hanau hat einiges anders und richtig gemacht", sagt Yildirim. Wo Menschen früher nebeneinander hergelebt hätten, sei jetzt an vielen Orten echter Zusammenhalt entstanden.

Ob sich das Menschenbild der Hinterbliebenen im Vergleich zur Zeit vor der Tat erschüttert oder verändert hätte, will jemand anderes wissen. Maruf-Sinam Kuzhan verneint. Sein Menschenbild sei im Kern gleich geblieben. Nur gehe er bedachter und bewusster durchs Leben. Alle drei sagen, dass sie sich durch die Polizei nicht geschützt fühlten und Polizisten bei ihnen im subjektiven Empfinden Angst auslösten.

Für Ali Yildirim hat sich der Blick auf den Alltagsrassismus nach der Tat noch einmal verschärft. "Wenn jemand früher Sprüche gemacht hat, hab ich gedacht: Sind ja nur ein paar Witze. Wer nimmt die denn ernst? Jetzt denke ich darüber nach, wie wir Wörter benutzen." Etwa das Wort "getürkt", eine rassistische Redewendung die landläufig mit "betrügen" übersetzt wird. Auch die Schüler des HSG hatten sich im Vorfeld der Diskussion mit Alltagsrassismus beschäftigt. An einer Wand hinter der Bühne hängen unter der Überschrift "Was ist Rassismus?" Plakate mit möglichen Antworten. Jemand hat geschrieben: "Rassismus ist, wenn man fragt: "Wo kommst du wirklich her?" oder "Du kannst aber gut Deutsch!" Auf einem anderen Plakat steht "Rassismus ist Wegschauen!"

Wie man Rassismus beenden kann, wollen die Schüler wissen. "Die Zivilgesellschaft muss umdenken", sagt Maruf Sinan Kuzhan und Serpil Temiz Unvar ergänzt mit Blick ins Publikum: "Ihr seid eine neue Generation. Wir setzen große Hoffnung in euch. Bei euch fängt Veränderung an."

Drei Fragen an die Verbindungslehrer Christian Iberle und Karin Lange

Das HSG wirbt um das Zertifikat "Schule ohne Rassismus". Was das HSG im Schulalltag gegen Rassismus unternimmt und wo Nachholbedarf besteht, darüber sprechen die Verbindungslehrer Christian Iberle und Karin Lange.
Wie wird Rassismus in den Schulfächern thematisiert?
Iberle: Die Themen Menschenwürde, Stigmatisierung und Stereotype stehen im Lehrplan. Ich selbst behandle sie etwa im Ethikunterricht. Auch Rassismus wird angesprochen - etwa im Englischunterricht, wenn es um die "Black Lives Matter"-Bewegung oder die afroamerikanische Geschichte geht. Ich denke aber, dass wir dem Thema noch mehr Relevanz zukommen lassen müssen.
Wo besteht Handlungsbedarf?
Iberle: Wir sollten das Thema differenziert beleuchten und viele weitere Themen ansprechen: Zum Beispiel die NSU-Prozesse, die bislang an Schulen kaum thematisiert wurden.
Was sind Pläne für die nahe Zukunft?
Lange: Am Mittwoch organisieren wir einen Spendenlauf. Das Geld kommt der Bildungsinitiative zugute. Außerdem wollen wir uns als "Schule ohne Rassismus" zertifizieren lassen. Dafür besuchen wir Fortbildungen und organisieren regelmäßig Veranstaltungen zum Thema.

Erschienen am 16. Juli 2021 im Main Echo 
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