Verwaiste Rücker Rehkitze finden neues Zuhause

Tierrettung: Rücker Suchtrupp konnte zwei Kitze vor dem Hungertod retten – Mutter war an den Folgen eines Autounfalls gestorben

Elsenfeld-Rück. Verwaiste Kitze sind meist dem Tode geweiht. Doch zwei junge Rehe in Rück hatten Glück im Unglück. Nach dem Unfalltod einer Ricke suchten und fanden engagierte Helfer die jungen Rehe und retteten sie.

Kitze verhalten sich normalerweise ruhig. Sie kauern im Gras, ziehen den Kopf ein und lauschen auf die Mutter. Doch was, wenn diese nicht mehr kommen kann? Dann wagt sich das Kitz aus seinem Unterschlupf, fiepst so laut es kann, dreht und wendet den Kopf und hält Ausschau. Allein kann es nicht überleben. Es braucht die Hilfe von Menschen. Aber die müssen das Kleine erstmal finden.

Melanie und Alexander Nebel waren am letzten Wochenende gleich zweimal auf Kitz-Suche. Ein Autofahrer hatte am Freitagabend auf dem Weinbergsweg ein Reh angefahren und schwer verletzt. Die Polizei konnte dem Tier nur noch den Gnadentod gewähren. “Was will man machen?”, sagt Anwohner und Unfallzeuge Stefan Kern. “Es wäre sowieso gestorben, hätte nur noch länger leiden müssen.”

Zu dieser Zeit ahnten Melanie und Alexander Nebel bereits, dass die Mutter ein Kitz zurückgelassen haben musste. Rehe mit Jungtieren sehen die Nebels, deren Haus nur 100 Meter vom Waldrand entfernt liegt, häufig. Ricken gehen in der Regel eigenständig auf Futtersuche und verstecken ihre Jungen im Gras. Hier ist es sicher. Wie ein Zelt schirmen Halme und Büsche das Kitz vor Fressfeinden ab.

Die Nebels trommelten die gesamte Straße zusammen. Auch die Rück-Schippacher Feuerwehr bot Hilfe an. Gemeinsam durchforstete der Trupp das umliegende Gelände: Wald, Wiesen, Weinberge. Drei Stunden dauerte es, bis sich das Kitz zeigte. Die Feuerwehr brachte das Jungtier zu der ehrenamtlichen Tierpflegerin Désirée Steinhart nach Hausen.

Steinhart engagiert sich im Wörther Verein Wildvogelhilfe, sowie in der Kitzrettung und hatte schon viele tierische Pflegekinder. Bei ihr konnte sich das Kitz erholen und Kräfte sammeln. Fotos zeigen die Transportbox, die liebevoll mit Erde und Blättern auslegt ist. “Rehkitze sind Menschen gegenüber anfangs schüchtern”, erzählt Steinhart. “Nach ein paar Tagen werden sie aber so zutraulich, dass es schwer wird, sie wegzugeben. Sie können sich dann woanders nicht integrieren und hören schlimmstenfalls auf zu fressen.”

Weil die Aufzucht des zwei bis drei Wochen alten Jungtieres viel Zeit und eine spezielle Ausstattung benötigt, hatte Désirée Steinhart geplant, das Kitz am nächsten Tag in eine professionelle Odenwälder Aufzuchtstation zu geben. Die Helfer dort könnten das Jungtier sechs Monate lang mit Spezialmilch versorgen, dann in ein Außengehege umsiedeln und schließlich auswildern.

Als alles geregelt schien, hörten die Anwohner des Weinbergwegs am Samstag - einen Tag nach der Rettung des ersten Kitzes - ein zweites fiepsen. Sie suchten, konnten es aber nicht finden. Also trommelten sie noch einmal jeden zusammen, der helfen wollte. Die Kitzrettung Eichelsbach versuchte es mit einer Pfeife, die das Geräusch der Rehmutter nachahmte. Erst als es bereits dämmerte, fanden sie das Kleine. Fix und fertig habe es ausgesehen, erzählt Alexander Nebel. “Lange hätte es nicht mehr durchgehalten.”

In der Zwischen-Auffangstation von Désirée Steinhart teilten sich nun zwei Kitze die Transportbox. Der Schreck war überwunden, die Kitze transportfertig und bereit, ins neue Zuhause überzusiedeln. In der privaten Auffangstation in Oberzent gedeihen sie prächtig. Der Suchtrupp hat Geld gespendet, um die dortigen ehrenamtlichen Helfer zu unterstützen.

Im Ernstfall: Was tun, wenn ein Wildtier verletzt ist?

Wer ein Wildtier findet, das sich ungewöhnlich verhält oder hilfsbedürftig wirkt, sollte zunächst Abstand halten und das Tier aus der Entfernung beobachten. Nicht immer braucht es menschliche Hilfe. Tierauffangstationen bekommen häufig gesunde Tiere, die fälschlicherweise für krank erklärt wurden. Nur verwaiste Jungtiere, verletzte oder ersichtlich kranke Tiere benötigen Hilfe. Örtliche Tierschutzvereine oder Wildtierhilfen können telefonisch beraten. Auch die Naturschutzbehörde gibt Ratschläge. Das Bundesnaturschutzgesetz verbietet es, geschützte Arten wie Vögel, Igel oder Eichhörnchen aus ihrer natürlichen Umgebung zu nehmen. Allenfalls vorübergehend dürfen Helfer ein verletztes Tier gesund pflegen. Pfleger müssen dann die Untere Naturschutzbehörde informieren. Auch wer ein Tiere pflegt, das weniger streng geschützt ist, – wie Schwarz- oder Rotwild – muss dieses der Jagdbehörde oder dem zuständigen Jagdpächter melden.

Erschienen am 25. Juni 2021 im Main Echo 
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