Falschgeld, Wachhund, Raubüberfall

Kriminalität im Römischen Reich: Archäologe Marcus Reuter gräbt alte Kriminalgeschichten aus

Obernburg. Kriminaldelikte nach 2000 Jahren nachweisen? Das kann funktionieren, weiß der Provinzialrömische Archäologe und Leiter des Rheinischen Landesmuseums in Trier Marcus Reuter. Einen Einblick in seine Arbeit gab Reuter am Donnerstagabend in der Aula der Main-Limes-Realschule. Zu dem Vortrag „Gefährliches Pflaster – Kriminalität im Römischen Reich“ hatte der Förderkreis Mainlimes-Museum geladen.

Meist sind es kleine, unscheinbare Dinge, die Rückschlüsse auf ein Verbrechen geben. Der festgerostete Nagel im Schieberiegel eines römischen Türschlosses beispielsweise. Ein listiger Einbrecher scheint das Schloss mithilfe des Nagels manipuliert zu haben. Die kriminelle Bandbreite im Römischen Reich erstreckte sich von Einbrüchen und Diebstählen über Falschspiel und Münzfälschung bis hin zu Beziehungstaten und Raubmord.

„Tod durch Räuber war eine der häufigsten Todesursachen“, so Reuter. Hinweise liefern zahlreiche Inschriften auf Grabsteinen wie etwa im hessischen Weiterstadt: „Räuber erschlugen ihn hier“. Wer im Römischen Reich Opfer einer Straftat wurde, stand meist auf einsamem Posten. Eine Polizei gab es nicht und das Militär verteidigte das Reich fast ausschließlich nach außen. „Wir haben in Deutschland mehrere hundert Strafanzeigen gefunden aber keine Schriftstücke darüber, dass jemand reagiert hätte“, erzählt Reuter.

Was also tun? Der Archäologe kennt die Antwort: Selbsthilfe. Mit hohen Mauern und zahlreichen Türschlössern schützten reiche Römer ihre Villen. In Wohnhäusern in Pompeji finden sich kaum Fenster nach außen, stattdessen ein Atrium mit Dachöffnung oder ein Innenhof. „Für Tagediebe ist kein Platz“ und ähnliche Sprüche stehen als Inschrift auf den Hauswänden. Mosaike zeigen Wachhunde und den Schriftzug „Cave Canem – Hüte dich vor dem Hund“.

Archäologen stellten bei Ausgrabungen eines Gutshofs im badischen Bonndorf 17 unterschiedliche Schlüsselfunde sicher. „Das zeigt das immense Sicherheitsbedürfnis der Römer“, so Reuter. „Doch der Römer wäre nicht Römer, wenn er neben allem Pragmatismus nicht auch abergläubisch wäre.“ Antefixe auf Hausdächern sollten den Schutz der Götter gewährleisten, Fluchtäfelchen den Einbrechern eine Lehre sein.

Eine solche mit Spiegelschrift versehene Bleitafel fanden Archäologen auch im hessischen Groß-Gerau. Darauf verflucht ein bestohlener Römer, der nach einem Bad plötzlich ohne Kleidung dastand, den Dieb und wünscht ihm Krebs- und Würmerbefall. „Mörder wurden seltsamerweise nicht verwünscht“, erzählt Marcus Reuter. „Was dahinter steckt an römischer Denkwelt, wissen wir leider nicht.“

Auch wenn sich der Staat bei vielen Straftaten nicht in der Verantwortung sah, reagierte er bei Steuerhinterziehung oder Falschgeld äußerst empfindlich. Bei Ausgrabungen in Trier fand man 8000 Gussförmchen mit denen schlaue Kriminelle aus billigem Zinn und Blei vermeintliche Silbermünzen herstellten – Geldfälschen im großen Stil. Alte Schriftstücke offenbaren die grausame Strafe: „Er soll den Feuertod sterben und sein ganzes Vermögen wird eingezogen.“

Öffentliche Hinrichtungen dienten einerseits als Abschreckung, andererseits als Belustigung. Zuweilen fanden sie als Vorprogramm der Gladiatorenkämpfe in der Arena statt. Hauptberufliche Henker wie im Mittelalter gab es nicht. Bei weniger gravierenden Delikten wartete Bergwerksarbeit auf die Verurteilten, wer glimpflich davonkam erhielt eine Geldstrafe. Markus Reuter erzählt: „Die Römische Rechtsprechung kennt keine dauerhaften Gefängnisstrafen, nur eine Art vorübergehende Untersuchungshaft.“

Ein Mythos bleibt die Galeerenstrafe, wie sie im Film Ben Hur dargestellt wird. „Die gab es erst im Venedig des 17. Jahrhunderts“, so Reuter. Der Experte lieferte in seinem Diavortrag einen Rundumschlag zum Justizsystem und nachweisbare Straftaten im Römischen Reich. Unter ihnen auch Indizien und Geschichten aus dem hessischen und rheinland-pfälzischen Umkreis.

Erschienen am 21. November 2014 im Boten vom Untermain 
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