»Das Geld ist sinnvoll angelegt«

Anna Hennl: 18-jährige Kleinostheimerin unterstützt mit Spenden afrikanisches Waisenhaus und Montessori-Schule

KLEINOSTHEIM. 600 Euro sollten es werden, doch dann lief die Spendenaktion der 18-jährigen Anna Hennl aus dem Ruder. Welche Großprojekte die Kleinostheimerin mit den rund 1600 Euro verwirklichte und warum die Kleintierfarm des afrikanischen Kinderheims nun eine stattliche Milchkuh ihr Eigen nennt, darüber sprach Hennl mit dem Medienhaus Main Echo im Sommerinterview.

Ein Auslandsaufenthalt zwischen Abitur und Studium gehört heute zum idealen Lebenslauf. Sie hatten mir aber geschrieben, dass Sie schon als Kind anderen Kindern helfen wollten.
Ja, ich hatte den Wunsch schon in der Grundschule. Im Kindergottesdienst haben wir über arme Kinder in Afrika gesprochen, das hat mich sehr bewegt. In der Oberstufe hatte ich Kontakt zu jemandem, der bei Ärzte ohne Grenzen in Tansania gearbeitet hat. Dann stand für mich fest: Ich will dort auch helfen. Alleine hätten mich meine Eltern nicht reisen lassen. Sie kennen aber ein Ehepaar, das in Tansania am Meer lebt. Also habe ich mich in der Nähe umgesehen und die Grundschule mit Waisenhaus in Sansibar entdeckt.

Sie haben drei Monate dort als Lehrerin gearbeitet, studieren ab Herbst Lehramt in Bayern. Ich könnte mir vorstellen, dass Sansibar erstmal ein Kulturschock war.
Vieles war natürlich fremd aber man muss sich immer ins Gedächtnis rufen, dass manches, was für uns seltsam scheint, dort zur Kultur gehört und umgekehrt. Generell herrscht in Sansibar ein raues Unterrichtsklima. Gehorsam und Respekt sind sehr wichtig - es gibt zum Beispiel die Prügelstrafe mit dem Rohrstock. Die Schule in meinem Waisenhaus gehört zu Montessori und deshalb war es verboten, zu schlagen. Zum Glück, denn ich kann nicht sagen, wie ich darauf reagiert hätte. Das Niveau im Unterricht ist eher niedrig und die Lehrer schlecht ausgebildet. “Hakuna Matata” (kein Problem) und “Pole Pole” (langsam, langsam) sind Lebensmottos, die man ständig hört.

Hatten Sie das Gefühl, wirklich etwas bewirken zu können?
Ich glaube keiner möchte eine Kultur umkrempeln, auch wenn uns manche Verhaltensweisen ungewohnt erscheinen. Und natürlich muss man auch sagen, dass es für die Kinder schwierig ist, sich alle paar Monate an neue Betreuer zu gewöhnen. Andererseits hätten es aber Schulen und Waisenhäuser ohne Freiwillige schwer, ihren Status zu halten. Ich habe Babys gesehen, denen man das Fläschchen einfach daneben gelegt hat, weil keine Zeit zum Füttern war. Die schaffen das schon und werden schnell selbstständig. Aber als Freiwillige hat man auch mal Zeit, ein Kind in den Arm zu nehmen oder ein Buch vorzulesen. Da wurde mir klar, wie viel Liebe Menschen brauchen.

Sie wollten mit einer Spendenaktion dazu beitragen, die Situation im Heim zu verbessern. Wie kam es dazu und warum hat die Aktion so hohe Wellen geschlagen?
Im Mai, als ich ankam, war gerade das Ende der Regenzeit. Die Luftfeuchtigkeit war über 90 Prozent und dann fiel der Strom aus. Die Kinder saßen zu Dutzenden in den schwülen Räumen. Ohne Ventilatoren hält man es kaum aus und je feuchter es ist, umso schneller verbreiten sich Pilzinfektionen. Das Haus versorgt sich mit Solaranlagen selbst, doch die Solarbatterie war defekt und eine neue war zu teuer. Also habe ich Freunde auf Whatsapp angeschrieben und gefragt, wer bereit ist, fünf oder zehn Euro zu spenden. Wir hätten nur 600 Euro gebraucht, letztendlich kam fast dreimal so viel zusammen. Ich hatte kaum eine Möglichkeit, die Aktion zu stoppen, weil jeder meinen Aufruf geteilt hat.

Was haben Sie mit dem restlichen Geld gemacht?
Kurz vor meiner Abreise ist ein Säugling wahrscheinlich an Fieber gestorben - genau wussten wir es nicht. Um die Versorgung zu verbessern, habe ich den Medizinschrank aufgefüllt und die Kinder zum Gesundheits-Check geschickt. Außerdem könnte ich einen Monat Gemüse, Mehl und Fisch zur Verfügung stellen. Es war aber immer noch was übrig und letztendlich wollte ich auch, dass dauerhaft mehr Geld in der Kasse ist. Also kam ich auf die Idee mit der Kuh. Das Waisenhaus verkauft bereits Eier und Gemüse in einem kleinen Laden, deshalb wusste ich, dass die Kuh sinnvoll angelegt ist. Auch die Köchin hat sich übrigens sehr gefreut und die Kuh auf den Namen Anna getauft.

Erschienen am 7. August 2019 im Main Echo 
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