Schluss mit schummriger Schankstube

In neuem Glanz: Boris und Elke Schüssler widersetzen sich dem Wirtshaussterben im Spessart und modernisieren das Gasthaus Zur Krone in Leidersbach

Kurze Pause: Der neue Wirt der Leidersbacher Krone Boris Schüssler genießt mit Ehefrau Elke inmitten von Chaos ein paar ruhige Minuten. Im Hintergrund bauen fleißige Hände die Theke ab, damit die neuen Möbel Einzug halten können. Foto: Julia Preißer

Leidersbach. Im Schankraum stapeln sich Kisten, Stühle und Tische. Alte Vorhänge häufen sich in der Zimmerecke. Auf der Anrichte reihen sich Porzellanservice, Schälchen, Teller, Karaffen und ein antikes Bügeleisen aneinander. Mitten im Wust bauen fleißige Hände die Theke ab.

Zehn Helfer haben Wirt Boris Schüssler und seine Frau Elke für heute und morgen rekrutiert. Die beiden haben Großes vor: Bis Februar soll das Gasthaus Zur Krone in neuem Glanz erstrahlen. An den alten Schankraum wird dann nur der robuste rotbraune Fliesenboden erinnern. Alles andere kommt raus, wird günstig verkauft oder landet auf dem Sperrmüll.

Die ersten Käufer sind schon vor Ort. Die meisten nehmen sich Kleinkram mit nach Hause, einer macht Tabula rasa und kauft die gesamten Tischgruppen. Boris und Elke Schüssler sind froh, wenn sie das Inventar los sind. Sie wollen das Wirtshaus von Grund auf modernisieren und so vor allem junge Gäste gewinnen. „Die Gemütlichkeit eines Landgasthauses soll bleiben, aber wir wollen es schicker und jugendlicher gestalten“, erklärt Boris Schüssler.

Der 36-Jährige hat den Familienbetrieb am 1. Januar von seinen Eltern übernommen. Cäcilia und Franz Schüssler halten sich zukünftig im Hintergrund und überlassen Sohn und Schwiegertochter das Sagen. Bereits seit 95 Jahren ist die Krone im Familienbesitz und wird weitervererbt. Mit soviel Aufwand und Kosten haben Boris und Elke Schüssler trotzdem nicht gerechnet. „Kredit, Kasse, Müllabfuhr – alles muss vertraglich neu geregelt werden“ erzählt das Ehepaar.

Die Renovierung und den Aufbau der Möbel übernehmen Fachleute. Für den Abbau und das Einräumen sind die Schüsslers selbst verantwortlich und so heißt es bereits um neun Uhr morgens: Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt! Zusätzlich wollen die Übernachtungsgäste versorgt werden, denn die Gästezimmer bleiben weiterhin offen.

„Im Gegensatz zum Restaurant lief die Zimmervermietung immer sehr gut“ erzählt Elke Schüssler. Vor allem Geschäftsleute und Handwerker auf Montage nächtigen in der Krone. Im Restaurant zählten die Schüsslers in den letzten Jahren durchschnittlich nur 300 bis 400 Gäste pro Woche. Das reichte oft nicht, um genug Gewinn zu erwirtschaften.

„Am Essen lag es nicht“, sagt Boris Schüssler. Der gelernte Koch und Küchenchef sieht die Probleme woanders: „Der Schankraum ist dunkel, das Mobiliar alt und die Kücheneinrichtung entspricht nicht den modernen Standards.“ Heutzutage verlange der Gast eine organisierte Küche mit schnellen und trotzdem frisch zubereiteten Speisen. Warmhalteplatten, wie man sie früher nutzte, sind somit überflüssig und fliegen raus.

Neu hinzu kommen eine Pastamaschine, ein Induktionsherd und viele Kleingeräte. Im Schankraum erwartet die Gäste neben neuem Mobiliar und moderner LED-Beleuchtung eine Akustikdecke, die den Schall schluckt. Für das gesamte Projekt haben die Schüsslers rund 180.000 Euro veranschlagt. „Wahrscheinlich wird es mehr“, vermutet Elke Schüssler. In zehn Jahren will das Ehepaar den Betrag ausgeglichen haben.

Inzwischen hat eine wahre Rarität den Weg zu den ausrangierten Möbeln in den Schankraum gefunden: Der Nachtstuhl mit Pinkelwanne stammt aus Großmutters Zeiten und dient allenfalls als Museumsobjekt. Das Möbelstück wird kritisch beäugt und belacht. Wahrscheinlich wandert es auf den Wertstoffhof. Viele der anderen Gegenstände finden aber sicherlich noch den einen oder anderen dankbaren Käufer.

Wirtshaussterben in Bayern

Die Gastgewerbestatistik besagt: Jedes vierte Dorf in Bayern hat keine eigene Wirtschaft mehr. Traditionsreiche Gaststätten machen dicht, Wirte werfen das Handtuch. Gründe für den Rückgang der Betriebe sind neben Qualitätsmängeln und geringer Innovations- und Investitionsbereitschaft auch fehlende Nachfolger. Betreiber beklagen außerdem die Konkurrenz von Vereinsheimen, das Rauchverbot sowie die zahlreichen Hygiene- und Brandschutzvorschriften. Wirtschaften im Spessart kämpfen vor allem gegen Landflucht, gestiegene Mobilität und ein verändertes Konsumverhalten. In Leidersbach gibt es mit nunmehr fünf geöffneten Gaststätten ein vergleichsweise großes Angebot. Doch auch die Leidersbacher beklagen das Wirtshaussterben. In den nächsten Monaten wird das Waldstübel schließen. Im leerstehenden Volkersbrunner Gasthaus Zur Rose ging schon lange kein Bier mehr über den Tresen. Nun wird das Haus zum Flüchtlingsquartier. Für den Tourismus sind Einkehrmöglichkeiten jedoch unverzichtbar. Bayernweit wirkt deshalb der Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur (VEBWK). Regional kümmern sich Tourismusverbände wie das Räuberland um die Unterstützung des Gastgewerbes.

Erschienen am 10. Januar 2015 im Main Echo 
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