Mekka für Bastler und Schrauber

Recycling: Reimund Schlipf schlachtet in Sulzbach Autos aus - Kunden aus Afrika - 5500 Quadratmeter voller Schrott

Das Fahrzeug muss trocken werden: Mechanik Ihsan Enc saugt Flüssigkeiten aus dem Autoinneren. Foto: Julia Preißer

Sulzbach. Eine Liebesbeziehung geht zu Ende. Wer sein Auto auf den Schrottplatz Schlipf in Sulzbach bringt, nimmt Abschied. “Ein bisschen Wehmut ist immer dabei”, weiß Schrottplatz-Besitzer und Kfz-Meister Reimund Schlipf. Ein letztes Selfie mit dem alten Auto sei für Viele obligatorisch. Wenn der neue Wagen in den Startlöchern steht, kümmert sich Schlipf mit seinem Zwei-Mann-Team um den alten.

Bevor ein Altauto in die Presse wandert, wird es ausgeschlachtet. Mechaniker Ihsan Enc bugsiert den VW Touran - Baujahr 2002 - mit der Hebebühne nach oben. “Wir legen jetzt trocken”, erklärt er und befestigt Schläuche an Ölwanne, Tank und Kühler. Es wummert, als die Maschinen die Flüssigkeiten abpumpen. Öl, Kühlwasser, Benzin und Bremsflüssigkeit landen in Spezialbehältern.

Das Altöl ist ein wichtiger Rohstoff und wird recycled. Regelmäßig holt ein Altöldienst den vollen 1000-Liter-Behälter ab. Auch die Bremsflüssigkeit landet zur Aufbereitung in Entsorgungsbetrieben oder wird in der chemischen Industrie verwertet.

Der VW Touran ist nun trocken, der Airbag vorschriftsmäßig gesprengt. Ihsan Enc holt Flex, Stahlschere, Gabelschlüssel, Kneifzange und Stecknüsse und macht sich ans Filetieren. “Organspender” nennen Mechaniker und Hobby-Schrauber ein Autowrack. Denn für Ersatzteile wie Motoren, Getriebe, Sitze und Türverkleidungen gibt es ein Leben nach dem Schrott.

Die Lagerhalle ist das Mekka für Bastler und Schrauber. Vor ihr stapeln sich Motoren, im Inneren lagern Klimakompressoren neben Antriebswellen und Lichtmaschinen-Anlassern. “Die Anlasser gehen am besten weg”, sagt Reimund Schlipf. Wer Ersatzteile auf dem Schrottplatz kaufe, zahle laut Schlipf nur rund ein Viertel des Neupreises.

Trotzdem leidet der Sulzbacher Schrottplatz, wie viele Autoverwerter, unter der Konkurrenz durch Online-Verkaufsportale wie Ebay. Deshalb soll der Handel mit Gebrauchtwagen das Geschäft beleben. Kfz-Mechaniker prüfen die Fahrzeuge auf Sicherheit und Funktion. Eine Garantie auf das Auto gibt es nicht. Das Motto lautet: Gekauft wie gesehen.

Der Aschaffenburger Anton Fyodorov hat sich bei mehreren Händlern umgesehen, bevor er ein Auto vom Schrottplatz wählte. Ausschlaggebend war das Preis-Leistungsverhältnis. Sein “neuer” BMW E36 zählt 21 Jahre. “Das Lenkrad tausche ich aus” sagt Fyodorov mit Blick ins Innere. “Und die Stoßdämpfer vielleicht auch.” Er drückt auf die Ecken von Motorhaube und Kofferraum. “Geht noch!”

Nebenan kehrt Stammkunde Emanuel Oskar den Laderaum seines eben gekauften Nissan Cargo. Der Van soll per Schiff nach Nigeria und dort seinen Einsatz auf einer Schweinefarm finden. Schrottplatz-Besitzer Reimund Schlipf kennt die Blechlawinen auf den Schiffen. Ein Van hinter dem anderen, vollgestopft mit günstig erworbenen Ersatzteilen - zwei Fliegen mit einer Klappe. “Die Afrikaner wollen immer Japaner”, sagt Schlipf. “Nissan geht gut in Nigeria.”

Mechaniker Ihsan Enc tuckert inzwischen mit dem Gabelstapler über den Platz. Drei Autowracks darf er nach Vorschrift übereinanderstapeln: Zwischenhalde nach der Schlachtung. Die letzte Reise der filetierten Autos führt nach Friedberg. Zweimal pro Woche sammelt ein LKW der Fahrzeugverwertung Schneider 16 Autos ein. Was nach der Presse zurückbleibt ist klein - ein kompakter Quader Alteisen. Das Ende einer Liebesbeziehung.

Zahlen und Fakten: Altfahrzeuge

Acht Wagen besitzt jeder Deutsche durchschnittlich in seinem Leben. Mit rund eine Millionen Exemplaren sind 92 Prozent aller verschrotteten Altfahrzeuge in Deutschland Pkw. Nach etwa 18 Jahren segnet einen Pkw das Zeitliche. Die statistische Lebensdauer bei Volkswagen ist mit 26 Jahren weitaus höher als bei Modellen von Alfa Romeo, Lancia und Kia mit nur 14 Jahren. Deutlich ausdauernder sind beispielsweise Wohnwagen mit 33 Jahren oder Motorräder mit 25 Jahren. Bis Mitte 2008 zahlten Verwerter bis zu 300 Euro für ein Altauto. Durch die Abwrackprämie sank der Schrottpreis auf einen Tiefstand, heute hat er sich dank der Nachfrage aus Schwellenländern wieder normalisiert.

Erschienen am 24. August 2018 im Main Echo 
»Party hard« mit den Herzbuben
Zur Liste
Backen wölben, pusten und »Plopp«