Schul-Meisterlich

Solo-Theater: Markus Grimm rezitiert Erzählung von Volksschriftsteller Karl Heinrich Caspari – Geschichte spielt in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges

Eine Hand gestikuliert wild, die andere liegt bescheiden auf dem Rücken. Schauspieler Markus Grimm haucht Casparis Romanfigur Ulrich Gast Leben ein. Foto: Julia Preißer

Eschau. Es ist die Parabel vom verlorenen Sohn, der sich Schauspieler Markus Grimm in seinem Solo-Theaterstück verschrieben hat. Genauer gesagt ist es eine Heimatgeschichte aus dem Spessart, die sich an das biblische Gleichnis anlehnt. „Der Schulmeister und sein Sohn“ heißt der Roman. Geschrieben hat ihn Volksschriftsteller Karl Heinrich Caspari (1855-1861). Er diente einst als Pfarrer in der Eschauer Epiphaniaskirche. Da liegt es nahe, dass die Premiere des Solo-Theaters am Sonntag genau dort stattfand.

„Heimat“ steht über dem Titel des Stückes. „Heimat ist nicht nur das geographische Zuhause, es ist auch der Ort, wo das Herz daheim ist“, sagte Markus Grimm einleitend. Sich mit der Vergangenheit zu beschäftigten, könne einen zu den eigenen Wurzeln führen. Deshalb sei es wichtig, sich beidem zu widmen – der Heimat und der Vergangenheit.

„Der Schulmeister und sein Sohn“ ist zunächst eine fränkische Geschichte mit Namen und Orten zum wieder erkennen. Aber die Geschichte ist auch globaler: Sie spielt zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges mit seinen großpolitischen und gesellschaftlichen Verwerfungen. Casparis Romanfiguren erleben ihre kleine, individuelle Geschichte in einer großen, umfassenden Rahmenhandlung.

Um die Erzählung in ihrer sprachlichen Komplexität zu erfassen, hat Schauspieler Markus Grimm sie behutsam modernisiert und als Buch neu auf den Markt gebracht. Der Zugang zu dem Werk soll somit auch heute leicht möglich sein. Sprachmelodie und Rhythmus hat Grimm beibehalten.

Inhaltlich ist das Werk schnell zusammen gefasst: Der alte Schulmeister Ulrich Gast blickt zurück auf ein wechselvolles Leben. Seine Erinnerungen kreisen dabei um seinen ältesten Sohn Valentin. Aus Leichtsinn war dieser in zwielichtige Gesellschaft geraten und zum vermeintlichen Verräter geworden. Er floh in den Krieg, entrann nur knapp dem Tod und kehrt zu guter Letzt sterbenskrank wieder nach Hause zurück zum Vater.

Was Roman und Theaterstück lebendig macht ist weniger die Geschichte als die eigenwillige Art der Erzählung. Schlicht, direkt und präzise schildert der Schulmeister das Erlebte. Trotzdem scheint sich die Geschichte in Beschreibungen und Charakterisierungen stellenweise zu verlieren. Jede Romanfigur erhält ihre eigene, unverwechselbare Gemütsrichtung. Nur Valentin bleibt für den Leser und Zuschauer bis zur Hälfte des Buches ein Rätsel.

Merklich ist der Erzählung der christliche Stempel aufgedrückt. Wenn etwa dem verstorbenen Torwächter Veith vom Schulmeister ein beständiges Leben im Jenseits bescheinigt wird. Oder in der plakativen Szene der Heimkehr des Sohnes, der aus der Bibel die folgenschweren Worte liest: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.“

Die Geschichte ist auch eine Stellungnahme Casparis zu den Verwerfungen seiner Zeit. Als „Verwilderung der Sitten“ beschreibt Ulrich Gast den Krieg. „Nur der ist ein Mann, der einen Degen an der Seite trägt.“ Abscheu vor dem Kriegsgeschehen, doch gleichermaßen Faszination, denn der Schulmeister gibt zu: „Der Klang der Kriegstrommel übte auch auf mich eine anziehende Wirkung aus.“

Markus Grimm erfüllte die Worte am Sonntag mit Leben. In langem Sakko, Weste, Hemd und Jeans betrat er seine „Bühne“ – den Altarraum der Kirche. Als einziges Requisit diente ein Holzstuhl. Die Darbietung glich mehr einer Rezitation als einem Drama, erinnerte an das epische Theater von Berthold Brecht oder Georg Büchner.

Mimik, Gestik und eine stellenweise angedeutete Ergriffenheit in der Körperhaltung reichen Grimm zur Darstellung der Figuren völlig aus. Nur manchmal blitzt ein wenig mehr Emotion aus dem Schulmeister hervor. Als Ulrich Gast den Sohn nach Jahren endlich wieder erkennt, bricht Markus Grimm auf dem Stuhl zusammen. Er sitzt da wie ein Schuljunge, den man beim Streiche spielen erwischt hat: Die Schultern gesenkt, die Hände pfriemeln nervös zwischen den Knien.

Wer ein klassisches Solo-Theater mit Rollenwechsel erwartet hatte, wurde am Sonntag enttäuscht. Wer aber zu schätzen weiß, was eine gute Rezitation ausmacht – nämlich präzises Stimmenspiel, plastische Artikulation und das hörbar machen eines literarischen Werkes – konnte Grimms Interpretation einiges abgewinnen.

Erschienen am 10. März 2015 im Main Echo 
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