Weinseife, Duschbutter, Badeschokolade

Seifensieden: Trennfurterin fertigt Pflanzenseife im Kaltrührverfahren – Besuch in hauseigener Manufaktur

Seifensiederin Michaela Weidmann bei der ArbeitBei der Arbeit: Seifensiederin Michaela Weidmann gießt den Seifenleim in den Dividor. Foto: Julia Preißer

Klingenberg-Trennfurt. Es riecht nach Aurora. Doch damit ist nicht die schlafende Schöne aus Disneys Dornröschen gemeint, die denselben Namen trägt. Aurora heißt der Duft der handgesiedeten Seife, die den Kellerraum von Michaela Weidmann schwängert. Nach Rosen riecht es und nach Omas Badezimmer – warm, sauber und pudrig.

„Seife ist leider aus der Mode gekommen“ sagt Michaela Weidmann und hat damit recht. Zu Omas Zeiten war Seife eine Selbstverständlichkeit. Heute gibt es Duschgel! Duschgel für den Sport, Duschgel zum Entspannen, After-Sun-Duschgel, Refreshing-Duschgel, herbes Duschgel für den Mann von Welt und Duschgel, dessen Wucherpreis sich einzig durch den Markennamen rechtfertigen lässt.

Bis vor wenigen Jahren war auch Michaela Weidmann auf der Suche nach einem Duschgel, das trockene Haut geschmeidig macht. Da schenkte ihr eine Freundin ein Stück Pflanzenseife und brachte damit den Stein ins rollen. Seit drei Jahren fertigt Weidmann nun in ihrer hauseigenen Manufaktur Naturseife im Kaltrührverfahren. Im Gegensatz zur industriell produzierten Seife bleiben die unverseiften Fette und Öle als Pflegestoffe erhalten.

Heute will Weidmann die nach Aurora duftende „Silky Dreams“ mit Seidenprotein herstellen und schlüpft dafür in Kittel, Handschuhe und Schutzbrille. Im Regal stehen kiloweise Fette und Öle, die auf ihren Einsatz warten. Das wertvolle Babassuöl schmilz im Wasserbad, während Kokosfett und Sheabutter abgewogen werden. Genauigkeit bis auf das letzte Gramm ist hier oberstes Gebot! Eine Sicherheitsbewerterin hat Weidmanns Rezept zuvor zertifiziert und erwartet exakte Einhaltung.

„Zuerst war Seifensieden nur ein Hobby“ erzählt Michaela Weidmann. „Ich habe lange überlegt, ob ich es gewerblich angehen soll. Da sind strenge Sicherheitsvorschriften und viel Bürokratie nötig.“ Allein Rezepte und Bewertungsbögen füllen einen ganzen Ordner. Alle Inhaltsstoffe und Allergene sind gekennzeichnet, die Zusammensetzung penibel protokolliert. Für jede gerührte Seife muss Weidmann eine eigene Chargennummer vergeben und nachweisen, woher sie ihre Rohstoffe bezieht.

Hinzu kommen die Vorgaben für Werkstatt und Gerätschaften: Edelstahlarbeitsflächen, Lampen hinter Schutzglas und Fliesen bis zur Decke. Sollte beim Anrühren der ätzenden Lauge etwas schief gehen, steht eine Dusche in Reichweite. Der Lauge wird sich Weidmann gleich zuwenden. Vorerst zerlaufen die festen Fette auf der Herdplatte, Rapsöl und Rizinusöl kommen hinzu. „Das Rizinusöl steigert das Schaumverhalten“ erklärt die Expertin.

Jetzt wird’s gefährlich! Schutzbrille zurechtrücken, tief Luft holen und möglichst vorerst nicht mehr weiteratmen, denn das zieht garantiert einen Hustenanfall nach sich. Als Weidmann die Natronkügelchen in das destillierte Wasser schüttet, kratzt und beißt es in Hals und Nase. Innerhalb von Sekunden erhitzt sich die Lauge auf 70 Grad. Jetzt muss alles abkühlen, das heißt: Brille abnehmen und raus aus dem Raum.

Im Kellerflur lagert die Seifensiederin ihre Verkaufsprodukte: Duschbutter, Badeschokolade, Peelings, schwimmende Entenseife und Weinseife aus Spätburgunder und Bacchus – der Spezialauftrag eines Winzers. Weidmann verkauft vor allem online, beliefert aber auch Kosmetikstudios. Großaufträge über mehrere tausend Seifen lehnt sie ab. „Ich möchte immer so klein bleiben, dass ich es selbst bewältigen kann“, sagt sie. „Da steckt der Künstler in mir.“

Der Künstler darf sich gleich austoben. Natronlauge und Fettkomponente sind mittlerweile auf 28 Grad abgekühlt und werden per Pürierstab emulgiert. Hinzu kommen Parfümöl und Seidenprotein. Der entstandene Seifenleim erinnert farblich an Vanillepudding, riecht aber nach Puder und Rosen.

Für den nächsten Schritt ist Fingerspitzengefühl gefragt. Genau 1,4 Gramm Ultramarinrosa und Maigrün braucht Weidmann für ihr Kunstprojekt. Die Pigmente werden mit Wasser verrührt und wandern in zwei mit Seifenleim befüllte Schüsseln – nochmals pürieren, dann geht’s los. Geübte Finger gießen einen Teil beider Schüsseln kreisförmig in den Topf mit dem restlichen Leim. Maigrün und Ultramarinrosa versinken im Vanillepudding-Puderbrei und hinterlassen breite Schlieren.

Die Künstlerin gießt die Mischung in die Plastikform, den sogenannten Dividor. Mit der restlichen Farbe und einem Schaschlikstäbchen marmoriert sie ihr Endprodukt und montiert die Trennstege. Die Seife muss nun sechs Wochen ruhen und geht dann in den Verkauf.

Hintergrund: Geschichte des Seifensiedens

Beim klassischen Seifensieden werden Seifen aus Fetten, Ölen und Soda hergestellt. Diese Technik ist schon seit den Sumerern (3800 bis 2300 v. Chr) bekannt und kam im Spätmittelalter während der Kreuzzüge nach Europa. Erste Zünfte sind in Mitteleuropa im 14. Jahrhundert für Augusburg, Wien und Ulm nachgewiesen. Mit den gesiedeten Seifen wusch man vor allem Wäsche, die zuvor mit Holzasche oder deren Lauge gereinigt worden war. Mit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert verlor der Beruf des Seifensieders seine Bedeutung. Seit einiger Zeit entstehen wieder kleinere Seifenmanufakturen oder Familienbetriebe, die hautpflegende Seife im Kaltrührverfahren herstellen. Der Begriff des Seifensiedens ist hier irreführend, denn die Seifenmasse wird nicht gekocht, sondern bei niedrigen Temperaturen verarbeitet. Nach der Herstellung muss der Seifenleim für vier bis acht Wochen reifen, erst dann ist der Verseifungsprozess abgeschlossen. Während der Reifung sinkt der PH-Wert idealerweise auf zwischen 8,5 und 9,5.

Erschienen am 19. Dezember 2014 im Main Echo 
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