Zwischen Fakten und Fiktion

Geschichte: Emanzipatorische Frauen entführen in vergangene Jahrhunderte

Kämpft für die Gleichberechtigung: Römerin Dulcia will die Jupitergigantensäule auch der Göttin Juno weihen. Foto: Julia Preißer

Obernburg. Ein jüdischer Denunziant, eine “Kräuterhexe”, ein despotischer Vater und eine römische Feministin: Die Erlebnisstadtführung “Obernburg mit langen Wimpern” hat das Publikum am Samstag in vier Epochen regionaler Geschichte entführt. Stadtführerin Ruth Weitz gab einen Umriss zu den historischen Orten der Römerstadt. Für schauspielerische Intermezzi sorgten die Laiendarsteller des lokalen Theatervereins “Die Granatsplitter”.

Das Areal rund um den Mühlbach bot den Auftakt der Führung. Neben dem ältesten sakralen Gebäude der Stadt, der St. Anna Kapelle, findet sich am Mühlbach auch das Wahrzeichen Obernburgs: Der Almosenturm. Gleich nebenan stand im Mittelalter eine Stiftung für Arme. Die Stadt erbaute den Turm im 14. Jahrhundert als Teil der Stadtbefestigung, von der fünf weitere Türme erhalten sind.

Der Bau der Kapelle wiederum fällt auf das 13. Jahrhundert. Sie ist das älteste sakrale Gebäude der Stadt und fußt auf einem ehemaligen römischen Mithras-Heiligtum. Dass die Römer auch ihre nördlichen Provinzen maßgeblich beeinflusst haben, zeigen immer neue archäologische Funde in der Altstadt. Am meisten beeindruckt die Jupiter-Gigantensäule nahe des Rosengartens. Ähnliche Weihesäulen fanden Archäologen im gesamten keltischen Einflussgebiets Obergermaniens.

An der Säule konnte das Publikum einen Streit zwischen einem “echten” Römer und seiner Frau belauschen. Die römische Feministin kämpfte eloquent für die Gleichberechtigung und weihte die Säule provokant sowohl Jupiter als auch Juno, der Göttin von Geburt, Ehe und Fürsorge. Die Wirklichkeit mag anders abgelaufen sein, doch den Zuschauern entlockte die Darbietung ein Lächeln und - vor allem den Frauen - anerkennendes Kopfnicken.

Auch der Familienzwist zwischen einem Ziegelbrenner und dessen Tochter betonte den emanzipatorischen Kampfgeist der Frauen vergangener Jahrhunderte, die auch in den fiktiven Geschichten des 80-seitigen Stadtführers von Ruth Weitz federführend sind. Auf ebendiesem Buch gründet die Erlebnisstadtführung. Ziegelbrennertochter Ida will im 19. Jahrhundert nicht verheiratet werden und die Kräuterweise Anna fürchtet sich am Hexenturm vor der Inquisition.

Die tobte im mittleren 16. Jahrhundert tatsächlich in Obernburg, obwohl sie in vielen Teilen des Reichs bereits abgeklungen war. Nachgewiesen ist der Prozess gegen Katharina Märchtin, die einem Komplott zum Opfer fiel und sich dem haltlosen Vorwurf gegenüber sah, ihren toten Säugling für die Herstellung von Hexensalbe missbraucht zu haben. Ob sie auf dem Scheiterhaufen brannte, ist unklar. Mindestens zwei Frauen sollen jedoch in Obernburg hingerichtet worden seien.

Die Stadtführung balancierte nonchalant zwischen Fakten und Fiktion. Eines vom anderen zu trennen, sollte dem Publikum aber leicht gefallen sein.

Erschienen am 9. April 2019 im Main Echo 
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