Sterneneltern erhalten Orte der Trauer

Bestattung: Ruheforst Stadtprozelten hat Grabfeld für totgeborene Kinder - Hebamme hilft beim Abschied

In der Abgeschiedenheit trauern können: Die Möglichkeit bietet Eltern totgeborener Kinder das Regenbogen-biotop in Stadtprozelten. Foto: Julia Preißer

Stadtprozelten/Kleinostheim. Regenbogen-Biotop heißt eine besondere Grabstelle im Ruheforst in Stadtprozelten. Eltern von sogenannten Sternenkindern können hier Abschied nehmen und ihr totgeborenes Baby über die Regenbogenbrücke schicken. Die Ruhestätte leistet für sie einen wertvollen Beitrag zur Trauerbewältigung.

Als “wichtigen Ort der Erinnerung” beschreibt Hebamme Dagmar Weimer das Biotop. Die Kleinostheimerin ist auch als Psychologin tätig und betreut seit 14 Jahren eine Selbsthilfegruppe für Eltern von Sternenkindern aus den Landkreisen Hanau, Aschaffenburg und Miltenberg. Wer zu ihr kommt, den plagen oft Schuldgefühle und Selbstvorwürfe - Warum darf unser Baby nicht leben? Hätten wir seinen Tod verhindern können?

Ein Ritual zu haben, das Kind würdevoll zu bestatten und die Vorstellung, das Baby sei nun mit anderen Sternenkindern zusammen, könne Eltern in ihrer Trauer helfen, sagt Weimer. In der Öffentlichkeit wird das Thema kaum diskutiert. Emotionslose Wörter wie Fehlgeburt, Abort oder Leibesfrucht verschleiern das Schicksal der Eltern. Erst ab einem Gewicht von 500 Gramm sprechen Mediziner von einer Totgeburt.

Für verstorbene Kinder, die weniger als 500 Gramm wiegen - sogenannte Sternenkinder - gab es bis vor einigen Jahren offiziell keinen Namen und keinen Totenschein. Erst als es die Petition eines betroffenen Elternpaares 2009 in die Medien schaffte, änderten viele Bundesländer ihre Gesetze. In Bayern können Eltern seitdem beim Standesamt eine Bescheinigung für die Existenz ihres toten Kindes einfordern. Der Eintrag ins Personenstandsregister wird ihnen weiterhin verwehrt.

Da es für Kinder, die weniger als 500 Gramm wiegen, kein Bestattungsgesetz gibt, war es früher üblich, dass Eltern ihren verstorbenen Säugling in einem bestehenden Grab, zum Beispiel in dem des Großvaters, bestattet hatten. Oder der Leichnam wurde im Krankenhaus entsorgt.

Heute legen immer mehr Städte und Kommunen auf den Friedhöfen sogenannte Sternenfelder an - Grabstätten für Sternenkinder - zum Beispiel Marktheidenfeld oder Wertheim. Stadtprozelten ging einen anderen Weg. Im Ruheforst neben einem abgelegenen Waldweg gibt es seit 2015 ein sogenanntes Regenbogen-Biotop. Ein betroffenes Elternpaar hatte sich einen Regenbogenbaum für ihr Kind gewünscht. Auch auswärtige Eltern können bei der Stadt einen Antrag stellen.

“Für uns ist es ein Grundbedürfnis, Abschied zu nehmen. Das unterscheidet uns vom Tier”, sagt Birgit Tschöp von der Stadtverwaltung Stadtprozelten. “Nach vielen Wochen oder gar Monaten, in denen ein Kind im Bauch heranwächst, baut man eine Verbindung auf.” Für die Urnengräber in Stadtprozelten müssten Sterneneltern kein Geld zahlen, nur eine Bestattungsgebühr falle an.

Sternenkinder aus den Krankenhäusern Aschaffenburg und Erlenbach können in einer gemeinschaftlichen Zeremonie auf dem Aschaffenburger Waldfriedhof beigesetzt werden. Eine jährliche Gedenkfeier hilft Eltern außerdem, Abschied zu nehmen. Auch Hebamme und Selbsthilfe-Leiterin Dagmar Weimer organisiert einen Gedenkgottesdienst. In der St. Markuskirche in Kleinostheim treffen sich am 15. November trauernde Eltern aus dem Umkreis.

“Gemeinsame Rituale sind immens wichtig”, sagt die Kleinostheimerin. Vor allem Mütter, die schwer schwanger geworden sind, hätten oft die Hoffnung auf ein gesundes Kind verloren. “Sich gegenseitig Halt und Trost zu geben, kann helfen.”

Hintergrund: Trauer um Totgeburten

Eine Bindung zum Kind entsteht schon ab dem ersten Gedanken an eine Schwangerschaft. Das sagen eine Reihe von Sozialstudien der letzten Jahre. Familienplanung werde heute bewusster gestaltet, als vor ein oder zwei Jahrzehnten. Eine Langzeituntersuchung der Fachzeitschrift Nature Neuroscience bestätigte außerdem, dass sich das weibliche Gehirn während einer Schwangerschaft verändert. In betroffenen Hirnarealen werden Fürsorge-Muster verstärkt. Beides führt dazu, dass für Eltern totgeborener Kinder oft ein ganzer Lebenstraum in die Brüche geht. 30 Prozent aller Frauen sind in ihrem Leben einmal von einer Fehlgeburt betroffen, schätzt die Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Allerdings werden nur etwa 15 bis 20 Prozent aller Fehlgeburten erkannt, da sie meist sehr früh in der Schwangerschaft auftreten und einer normalen Regelblutung ähneln.

Erschienen am 25. Februar 2019 im Main Echo 
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