Selbstversuch auf dem Stehpaddelbrett

Ich nehme im Dienste des Journalismus ein unfreiwilliges Bad

Noch läuft's. Doch die Katastrophe lässt nicht lange auf sich warten. Foto: Christoph Preißer

Obernburg/Aschaffenburg. Am Ende hilft nur noch eins: Der Hechtsprung. Er rettet mich vor der Kollision mit der Mini-Yacht, die im Aschaffenburger Bootshafen vor Anker liegt. Mein Board, das mich bislang sicher durch den Uferbereich des Hafens manövriert hat, driftet nun ab. Ich kriege wortwörtlich nicht mehr rechtzeitig die Kurve, will mich und das Board vor weiterem Schaden bewahren und… springe. Das Wasser misst 18 Grad. Schilf und Seerosen säumen das Ufer. In meinem Haar kleben Algen.

Doch auf Anfang. Ich soll SUP ausprobieren. Auftrag der Redaktionsleitung. SUP heißt ausgeschrieben Stand Up Paddling - also Paddeln im Stehen auf einem Board, das aussieht wie ein Surfbrett. Zum Glück kenne ich zwei Profis: Julia und Pierre Böhringer aus Obernburg sind Pioniere des Stand Up Paddelns. Ihre Boards verstauen sie im Bootsclub Nautilus in Aschaffenburg, wo auch ihr Privat-Boot vor Anker liegt.

Ich packe meine Strandtasche samt Handtuch (wichtig!) und düse nach Aschaffenburg. Im Gepäck habe ich meinen Mann, den ich beauftrage, mich von meiner besten Seite abzulichten, der sich aber insgeheim darauf freut, mal wieder so eine richtig peinliche Julia-Story zu erleben. Wir wissen beide: ich bin unsportlich. Im Kletterpark hing ich wie ein nasser Sack zwischen Hängebrücke und der nächsten Baum-Station. Beinah hätte mich einer dieser Kletter-Guards abseilen müssen.

In unserem gemeinsamen Freundeskreis existiert eine Reihe peinlicher Julia-beim-Sport-Geschichten. Auf eine mehr kommt es auch nicht an. Mein heimlicher Trost: Ich kann echt gut schwimmen! Elf Jahre quälten mich meine Eltern Woche für Woche ins Schwimmtraining. Untergehen werde ich also vermutlich nicht.

Julia Böhringer ist schon da und öffnet mir das schmiedeeiserne Tor zum Bootsclub Nautilus von innen. Ich lasse meinen Blick über die Anlage schweifen: Schick! Die blankgeputzten Boote reihen sich hintereinander an die Stege - vom Schnellboot bis zum Segelboot. Mein Blick bleibt an einem gelben Schlauchboot hängen, das nicht zur weiß-getünchten Maritim-Romantik passt. Später wird mir just dieses Boot noch einen Dienst erweisen.

Am Steg plaudere ich betont unbefangen von meiner bevorstehenden Katastrophe und erzähle den Umstehenden, wie ich plane, mich bald in die Fluten zu stürzen. Bei bevorstehenden Peinlichkeiten muss man offensiv vorgehen. Sonst traut sich später keiner mitzulachen, wenns passiert. Das schlimmste, das ich mir vorstellen kann, sind betretene Blicke. Während mein Mann die Kamera justiert, bewundere ich meine Freundin Julia, die ihr Board geschickt um die vor Anker liegenden Boote bugsiert. Wir sind zwar Namensschwestern, aber in Sachen Sportlichkeit nicht vergleichbar.

Pierre Böhringer bemerkt meine Hochachtung. “Das schaffst du. Geht ganz leicht.” Ich grinse schief. Julia zeigt mir, wie ich aufsteigen soll. Zwischen Steg und Wasseroberfläche liegen etwa 50 Zentimeter. Ich setze mich und ertaste mit den Füßen das Board. Nun soll ich mich am Rand des Stegs festhalten und mit den Knien auf das Board gleiten. Es wackelt. Beängstigend. Ich bekräftige noch einmal meinen festen Wunsch, heute noch ein Bad zu nehmen. Doch das Schaukeln lässt nach und der Wunsch auf sich warten.

Julia erklärt mir, dass sich auf der Unterseite des Boards Finnen befinden, die verhindern, dass sich das Board in der Strömung dreht. Das beruhigt mich. Ich stoße mich samt Board vom Steg ab und drifte nun kniend rückwärts den Main hinab. Julia rät mir, das Board im Sitzen zu wenden, dann in den Vierfüßlerstand zu wechseln, aufzustehen und mit der Strömung zu paddeln. Ich entdecke einen Schwarm Fische unter mir, der mich ablenkt. Dann kämpfe ich mit dem Paddel, das mir im Sitzen viel zu lang erscheint. Einen Moment später hänge ich in der Böschung fest. Neben mir quakt ein Frosch.

Ich muss einen ulkigen Anblick bieten, denn die Menschen auf dem Steg hinter mir glucksen. Im Nautilus-Bootsclub gibt es viele Stand up Paddler. Man beobachtet, wie ich mich schlage. Julia und Pierre Böhringer haben erzählt, dass die Fotos im Main Echo gedruckt werden. Zwei Minuten später stehe ich endlich! Die anfängliche Angst weicht trügerischer Sicherheit. Ich paddle hin und her und schenke der Kamera mein schönstes Lächeln.

Dann sehe ich die Mini-Yacht. Sie ragt vor mir aus dem Wasser und ich weiß: das wird böse enden! Mein Hirn rast noch einmal die Anweisungen durch: Hinsetzen. Paddel nicht verlieren. Im Sitzen Board drehen. Aufstehen. Weiterpaddeln. Die Mini-Yacht hat ein beängstigendes Ausmaß angenommen. Der Hechtsprung dient als letzte Rettung. Hinter mir höre ich, wie Pierre Böhringer das gelbe Schlauchboot startet. Ich komme mir vor wie in einer kitschigen Baywatch-Folge. Dabei kann ich doch schwimmen!

Daheim sichte ich die Fotos. Die Kamera hat den Hechtsprung verpasst. Meine Peinlichkeit ist nicht für die Ewigkeit gedacht. Ich seufze, dann lache ich. Was ein Tag! Ich wechsle meine Kleidung und freue mich auf meinen nächsten Selbstversuch: Tretbootfahren. Ich glaube, das kann ich.

Erschienen am 6. Juli 2021 im Main Echo 
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