»Zu zierlichen Frauen passen filigrane Tattoos«

Miltenberg. „Tattoos sind eine Lebensphilosophie“, sagt Oliver Schneider. Der Miltenberger Tätowierer verewigt seine Kunstwerke seit 19 Jahren auf der Haut seiner Kunden. Das erste eigene Tattoo ließ sich Schneider erst mit 27 stechen. Damals spielte er noch mit der Idee, als Trickfilmzeichner bei Disney zu arbeiten. Seine Kreativität lebt er nun als Tätowierer aus. Julia Preißer sprach mit dem Künstler über Körperkult, Schönheit und ungewöhnliche Motive.

Sind Tattoos eine Lebenseinstellung?
Ich hoffe es! Meine liebsten Kunden sind die, die auf Tattoos stehen. Einfach Bock auf Tattoos zu haben ist eine Lebenseinstellung! Dann gibt es aber auch Leute, denen es vor allem um die Aussage geht. Menschen mit einer religiösen Lebenseinstellung zum Beispiel. Oder Leute, die Erinnerungen festhalten wollen. Andere wollen sich individuell ausdrücken, so wie man früher mit Buttons zeigte, auf welche Band man steht. Tattoos haben vielleicht ein bisschen mit Selbstdarstellung zu tun, denn man zeigt sie ja gerne. Das darf aber auch so sein! Was ich nicht mag ist, wenn jemand einen anderen einfach nur kopiert. Dann mache ich ihn darauf aufmerksam, wie oft ich dieses Tattoo schon gestochen habe.

Haben Sie eines Ihrer Motive schon mal bereut?
Nein, ich kann zu allem stehen. Aber ich kenne das von anderen und rate meinen Kunden, es sich in bestimmten Situationen gut zu überlegen. Zum Beispiel, wenn ein Mädel mit Anfang 20 ein Tattoo auf dem Dekolletee möchte. Das ist natürlich ein Blickfang. Da prüfe ich was dahintersteckt und lehne notfalls die Arbeit ab. Ich kenne eine Frau – mittlerweile 50 – die gänzlich tätowiert ist. Sie hat mal zu mir gesagt, dass sie bereut, ihren ganzen Körper tätowiert zu haben. Aber nicht, weil sie Tattoos an sich nicht mehr mag, sondern weil sie momentan ganz andere Motive wählen würde und keinen freien Platz hat.

Was halten Sie davon, wenn sich jemand den Namen des Partners tätowiert?
Schrecklich. Für mich wäre das kein echter Liebesbeweis. Ich kenne einen Kunden, der ein Porträt einer bereits verstorbenen Frau tätowiert haben wollte. Dieses Porträt gab es schon in allen erdenklichen Variationen auf seinem Körper. Trotzdem habe ich ihm ein weiteres Tattoo gestochen, weil er mir erzählt hat, wie wichtig ihm die Frau war. Eine Zeit später wollte er alles wegmachen lassen, weil seine neue Freundin nicht drauf stand. Das ist übrigens auch Johnny Depp passiert. Er hat sich den Schriftzug „Winona forever“ zu „Wine forever“ ummodeln lassen.

Wie sah das ungewöhnlichste Tattoo aus, das Sie gestochen haben?
Das ist schwer festzumachen. Ein junger Mann hat seine Hand gänzlich als Skelett tätowieren lassen – bis zum Nagelbett. Da muss man schon Mut haben. Mich hat es gereizt, ich mag Schädelknochen und organische Geschichten. Ich habe aber auch schon Anfragen abgelehnt. Einmal sollte ich jemandem auf die Innenseite der Lippe das Wort „ficken“ tätowieren. Das fand ich daneben. Auch direkt auf dem Penis oder den Schamlippen finde ich fragwürdig. Vor allem, weil ich mir vorstellen kann, wie weh das tut und deswegen als Tätowierer auch unterbewusst Hemmungen bekomme.

Und was war das unscheinbarste Tattoo?
Kleine Sternchen oder Unendlich-Zeichen auf dem Fingerchen, die so winzig sind, dass man sie kaum sieht. Was soll ich mit kleinen Sternchen? Die tragen nicht unbedingt positiv zur Attraktivität bei und haben wenig Bedeutung. Ich finde, man sollte einer Tätowierung Respekt zollen und sie nicht als Modefurz ansehen.

Stehen Tattoos jedem?
Das kommt auf das Tattoo an. Ich habe schon Mädels mit einer wunderschönen, zierlichen Figur gesehen und dann hatte dort jemand ein fettes, unförmiges Ding darauf geklatscht. Das ist ein Verbrechen! Zu zierlichen Frauen passen filigrane Tattoos. Wenn sich ein großes Mädchen ein winzig kleines Sternchen tätowieren lässt, finde ich das auch fragwürdig. Nicht jedes Tattoo steht jedem.

Wie viel Körperkult liegt im Tattoo?
Sehr viel! Es gibt Menschen, die machen das für sich und denen ist egal, was andere denken. Dann gibt es Leute, die ihren Körper betonen möchten – etwa ein Mann, der trainiert ist, und ein Trible möchte, das die Form seines Körpers unterstreicht. Das sollte gut gemacht sein und zum Körper passen. Dann kann er durchaus noch besser aussehen. Mir hat einmal jemand gesagt, er möchte, dass es so aussieht, als hätte jemand ein Tribal über ihm ausgegossen. Das fand ich sehr cool beschrieben.

Kann also ein gutes Tattoo die Schönheit eines Menschen steigern?
Ja. Wenn schöne Stellen am Körper betont werden, kann es das Selbstbewusstsein stärken. Was bedeutet denn Sexappeal? Es bedeutet nicht 90-60-90 Maße, sondern Ausstrahlung! Viele Menschen sind unglaublich sexy, obwohl sie nicht formvollendet sind. Wenn ein Mensch stolz ist, hat er eine tolle Ausstrahlung. Und wenn jemanden sein Tattoo stolz macht, kann es seine Schönheit steigern.

Erschienen am 13. Januar 2015 im Main Echo 
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