»Wir rufen in zwei Jahren zurück«

Psychotherapie: Seelisch Kranke müssen lange auf einen Therapieplatz warten - Akutsprechstunden sollen nun das Problem lösen, sind aber umstritten

Warten auf Rückruf: Psychisch Erkrankte brauchen bis zum Behandlungsbeginn Geduld. Akutsprechstunden lindern das Problem nur marginal. Foto: Julia Preißer

Kreis Miltenberg.“Bitte hinterlassen Sie Name und Telefonnummer nach dem Hinweiston. Wir rufen in zwei Jahren zurück”. Diese Ansage könnte von einem Anrufbeantworter einer beliebigen psychotherapeutischen Praxis stammen. Besonders auf dem Land müssen Klienten lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Ein neues Gesetz soll durch Akutsprechstunden Abhilfe schaffen. Für die Therapeuten ist dies eine zusätzliche Belastung.

Thomas Becker arbeitet als psychologischer Psychotherapeut in Elsenfeld. Mit einem halben bis dreiviertel Jahr Wartezeit liegt Becker im unteren Bereich. Trotzdem muss auch er seit dem 1. April 2017 Akutsprechstunden anbieten. Dies hat der Gemeinsame Bundesausschuss beschlossen.

Arbeitet ein Psychologe in Vollzeit, beträgt die Gesamtzeit für Sprechstunden 100 Minuten pro Woche. Außerdem sollen der Therapeut oder eine Hilfskraft mindestens 200 Minuten wöchentlich am Telefon erreichbar sein. Für Thomas Becker keine gute Lösung:

“Erstens sind diese Leistungen schlecht vergütet. Zweitens müssen Therapeuten Überstunden machen, wenn sie ihr Behandlungsvolumen aufrecht erhalten wollen. Oder sie stellen eine Hilfskraft ein und haben einen finanziellen Mehraufwand. Da fehlt doch jeder Anreiz!”

Auch Stephan Schreitz vom Sozialpsychiatrischen Dienst der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Miltenberg sieht die Veränderung kritisch: “Es ist ein zweischneidiges Schwert. Akutkranke bekommen schneller Hilfe. Dafür verringert sich die Zeit, die für Therapiesitzungen zur Verfügung steht. Ein Therapeut kann weniger Termine vergeben. Unter Umständen werden sich dann die Wartezeiten für ein Erstgespräch noch erhöhen.”

Psychotherapeut Becker hat sich nun in einem Beschwerdebrief an die Bundesregierung gewandt. Währenddessen warten im Landkreis Miltenberg immer noch zahlreiche Menschen auf einen Therapieplatz. Wer in Deutschland gesetzlich krankenversichert ist, hat Anspruch auf eine notwendige Psychotherapie. Doch die Realität sieht anders aus.

28 Therapeuten hat die AWO 2016 im Landkreis Miltenberg registriert. Eine spärliche Menge für rund 130.000 Einwohner! Nur sieben Therapeuten behandeln Kinder, so dass die Hälfte der erkrankten Minderjährigen keine Versorgung findet.

Die meisten Psychotherapeuten zieht es in die Stadt, wo Weiterbildung und Aufstieg möglich sind. Ein weiteres Problem: Es vergehen oft Jahre, bis Therapeuten nach Studium und Ausbildung eine Kassenzulassung erhalten. Und wer sie einmal hat, dem steht es frei, nur halbtags zu arbeiten. Damit erhalten noch weniger Klienten die Möglichkeit auf einen Therapieplatz.

Als 1999 das Psychotherapeutengesetz in Kraft trat, erklärte man den damaligen Ist-Zustand psychotherapeutischer Versorgung auch zum Soll-Zustand. Neue Zulassungen gibt es erst, wenn ein niedergelassener Therapeut in den Ruhestand geht. In den letzten Jahren sind die Fallzahlen jedoch rasant gestiegen: Laut einer Studie der Betriebskrankenkassen haben sich die Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund einer psychischen Erkrankung bei den Mitgliedern seit 2003 mehr als verdoppelt.

Eine Lösung könnte sein, Praxissitze von überversorgten Städten aufs Land zu verlegen. Bis Regierung und Kassenärztliche Bundesvereinigung das Problem bewältigt haben, können sich psychisch Kranke an die Bayerische Therapieplatzvermittlung wenden. Dort sind offene Plätze registriert. Außerdem bietet der Sozialpsychiatrische Dienst der AWO regelmäßig Beratungstermine an. Julia Preißer

Langwierige psychische Erkrankungen

Sie gehören zwar nicht zu den häufigsten Krankheiten, wer jedoch betroffen ist, fällt besonders lange aus. Laut einer aktuellen Studie der Betriebskrankenkassen beträgt der Arbeitsausfall wegen psychischer Störungen bei den erkrankten Mitgliedern durchschnittlich 35,8 Tage. Somit rangieren sie noch vor den Krebserkrankungen (28,2 Tage). Atemwegserkrankungen sind zwar die häufigste Ursache für eine Krankschreibung. Allerdings sind sie mit durchschnittlich sechs Tagen in Bayern vergleichsweise kurz. Rund die Hälfte aller psychischen Krankheiten entfällt auf affektive Störungen. Anführer ist die Depression. 2013 stellten Ärzte bayernweit 11,4 Prozent der Krankschreibungen von BKK-Versicherten aufgrund einer depressiven Episode aus. Die durchschnittliche Ausfallzeit bei wiederkehrenden depressiven Störungen liegt momentan sogar bei rund 58 Tagen je Fall. Die Grundlagen für Depressionen werden meist schon im Kindesalter gelegt. Später äußert sich die Krankheit in anhaltend gedrückter Stimmung, Antriebs- und Denkhemmung, Interessenverlust und psychosomatischen Beschwerden.

Erschienen am 12. Mai 2017 im Main Echo 
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