Wieder klarer Tunnelblick

Mammut-Reinigung: Bauamt hat am Freitag und Samstag den Tunnel zwischen Miltenberg und Großheubach mit einem umgebauten Unimog auf Vordermann gebracht

Da fließt der Schmutz gen Tunnelboden: Der Unimog leistet bei der Reinigung ganze Arbeit." Foto: Julia Preißer

Miltenberg. 14000 Autos brausen pro Tag durch den Umgehungstunnel an der Martinsbrücke. Doch heute ist es ruhig auf der Staatsstraße 2309 zwischen Miltenberg und Großheubach. Kein Echo vorbeifahrender Fahrzeuge, kein Motorenkanon. Einzig das einsame Knattern und Brummen eines orange-gelben Unimog durchbricht die Stille. Er hat heute morgen Alleinrecht auf den Tunnel und steht im Mittelpunkt einer denkwürdigen Mission.

Seine Aufgabe: Betonwände, Decke und Gehsteig des Tunnels auf Hochglanz bringen. Im Alltag arbeitet der Unimog für die Hösbacher Autobahnmeisterei. Doch heute hat ihn das Staatliche Bauamt Aschaffenburg angeheuert. Mit einem Wasserkanister auf dem Buckel und einer rotierenden Bürste am Greifarm verrichtet er pflichtschuldig seinen Dienst. In Strömen schwappt das Wasser von der Wand, spült Abgase, Ruß und Schmutz der letzten zwölf Monate auf den Tunnelboden.

Dort wird die Drecklache später Opfer der Kehrmaschine. Die reist gegen halb acht an, um dann dem Unimog die Schau zu stehlen. Doch vorerst ist der Tunnel sein Revier. Nur einer gibt ihm Kommandos und das ist Arnold Herrmannsdörfer. Der Straßenwärter steuert das Vehikel punktgenau vorbei an Beleuchtung und Brandmeldern. Meter um Meter schieben sich beide vorwärts in die Röhre.

Zwei bis drei Stunden dauert das Prozedere. Um sechs Uhr in der Früh war Startschuss – bewusst am Wochenende, damit der Berufsverkehr nicht leiden muss. Für den Unimog ist der frühe Appell ein Leichtes, für Arnold Herrmannsdörfer ebenfalls Routine. Als Straßenwärter arbeitet er nicht selten dann, wenn andere noch schlummern. Sein lärmendes Gefährt durch einen Tunnel zu buxieren, dessen Wände den Schall gnadenlos zurückwerfen, schafft Herrmannsdörfer allerdings nur mit Ohrstöpseln.

Nun muss er auf seinem Fahrersitz auch noch gekonnt das immer währende, blinkende Warnlicht ignorieren, das den eintreffenden Arbeitern ankündigt: Vorsicht! Schweres Gerät am Werk. Um kurz nach sieben sind Unimog und Herrmannsdörfer nicht mehr allein. Drei Männer von der Straßenmeisterei Miltenberg beginnen, Kanaldeckel auszuhebeln, weil auch dort gereinigt wird.

Auch der leitende Straßenmeister Harald Stahl ist vor Ort, um nach dem Rechten zu sehen. Damit der Verkehr heute um 15 Uhr wieder rollen kann, muss jeder Handgriff sitzen. Nur einmal jährlich schultert das Bauamt Reinigung und Wartung in einer zweitägigen Mammutaktion. Häufiger kontrollieren Experten die Betriebstechnik wie Brandmelder, Trübsichtsanlage und Beleuchtung. Letztere muss richtig strahlen können. Ruß und Abgase auf den Glasblenden spült die Straßenmeisterei mit Hilfe von Hebebühne und Hochdruckreiniger weg – per Hand. 200 Lampen! Fast ebenso wichtig wie blitzblanke Blenden sind weiße Wände und tadellose Türen. „Auf den Schlössern darf sich kein Schmutz absetzen, damit nichts rostet“, weiß Harald Stahl. Und die weißen Wände? „Damit spart man Energie. Dunkle Wände schlucken Licht und machen düster.“

Die Bürste des Unimog schrubbt mittlerweile über die Bodenbeleuchtung. Noch eine Runde, dann hat er Feierabend. Nach knapp neun Dienstjahren wird er wohl bald in Rente gehen. Einen neuen Unimog müsste die Autobahnmeisterei allerdings für die Tunnelreinigung mit einem Glasdach ausstatten. Das kostet und könnte dem in die Jahre gekommenen Gerät noch ein paar Aufträge sichern. Pflichtbewusst wird er weiter seine Arbeit schultern. Obwohl: Irgendwann ist auch mal Schluss!

Erschienen am 28. September 2015 im Main Echo 
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