Meister Horas letzte Runden

Verdienter Ruhestand: Edmund Rippberger war Jahrzehnte als Turmuhrpfleger unterwegs – vieles zu sehen über den Dächern von Obernburg

Herr der Turmuhr: Edmund Rippberger prüft das Uhrwerk am Turm des Oberen Tors in Obernburg. Wöchentlich muss es geölt werden. Foto: Julia Preißer

Obernburg. Die Leiter ragt fast senkrecht in die Höhe. Wackelig lehnt sie am Rand der oberen Luke. Jeder Schritt muss sitzen auf dem Weg hinauf. Für gewöhnliche Menschen eine Herausforderung, für Edmund Rippberger eine Sache der Übung. Rippberger ist Turmuhrpfleger am Oberen Tor. Er sorgt dafür, dass die Uhr dort richtig tickt. Meister Hora von Obernburg – so könnte man ihn nennen. Nun gibt der Rentner sein Ehrenamt ab.

Heute kann Rippberger auf 2600 Arbeitstage zurückblicken, denn genau so häufig kletterte er samstags hinauf über die Dächer der Stadt. Von dort hat er schon einiges gesehen. „1945 standen die Panzer der Amerikaner von der Kreuzung in Eisenbach bis zu den Überresten der alten Mainbrücke“, erzählt er. Von seinem Turm aus konnte Rippberger die Panzerschlange beobachten, ebenso die Sprengung der Mainbrücke und wie die Amerikaner einen Ponton bauten, um über den Main zu kommen.

Rippberger war 13 als die USA Obernburg besetzte. Ein Jahr zuvor übernahm er das Amt des Turmuhrpflegers. „Die Turmuhr hat mich schon als Kind fasziniert“, sagt er und deutet auf sein Elternhaus direkt hinter dem Tor. „Da an dem Fenster hab ich gestanden und gelurt, wenn's geschlagen hat.“ Weil der damals Zwölfjährige so viel Interesse zeigte, wies ihn sein Vorgänger … Fritzenschaft in die Geheimnisse der Uhrenpflege ein.

Eine Stunde dauert die wöchentliche Arbeit im Schnitt: Uhr aufziehen, Uhrwerk schmieren und alle zwei Wochen das Stahlseil vom Uhrwerk bis zur Glocke gut ölen. Rippberger schwebt dazu auf einer Holzleiter rund vier Meter über dem Boden oder kriecht auf dem Gebälk unter der Decke. Die Uhr selbst stammt noch aus dem 16 Jahrhundert. Gemeinsam mit zwei Obernburgern hat Rippberger das gute Stück 1976 repariert, nachdem es zerbrochen Zahnräder mehrere Jahre außer Betrieb gesetzt hatten.

Mit der neuen Uhr nahm Rippberger seinen Posten wieder auf. Fast 20 Jahre musste er zuvor pausieren und die Pflege dem städtischen Bauhof überlassen. Bis heute ist er einer der wenigen Obernburger, die den Turm von innen vollständig kennen. Der Bürgermeister sei zwar einmal hier gewesen, doch weiter als bis hinter die Eingangstür sei er nicht gelangt, so der Turmuhrpfleger. Hinter der Eingangstür findet sich das imposante Uhrenwerk. Die Gewichte hängen im ersten Stock, die Turmuhr selbst ein Stockwerk höher.

Wenn Rippberger auf Leiter Nummer eins nach oben krakselt, setzt er geübt einen Fuß vor den nächsten. Bevor sich der Kopf durch die Luke zwängt, wischt seine Hand die Spinnweben beiseite. Im ersten Stock dann das gewohnte Chaos: Holzbretter, Reste von Taubenmist aus den 70ern und der Staub der letzten Jahrzehnte. „Früher war hier ein Taubenschlag. Da gab's noch keine Fenster, die wurden erst 1976 eingebaut,“ erklärt er.

Nach insgesamt 50 Jahren Turmuhrpflege gibt Edmund Rippberger sein Amt nun an den Bauhof ab. „Meine Lebensuhr läutet 83“, steht in seinem Abschiedsschreiben an die Stadt. Rippberger hat darin seine Tätigkeit grob überschlagen: 50 Jahre, 2.600 Wochen, 1.300.000 Kilo Gewicht und 117.000 Meter Seilziehen. Wenn er könnte, würde er weitermachen, sagt er. Doch mit 83 sei die Arbeit nicht ohne. Seinen Nachfolger will er bis Ende Juli anlernen, damit alles reibungslos klappt. „Die Uhr geht bis heute auf die Sekunde genau. Das soll auch so bleiben“, sagt er schmunzelnd.

Erschienen am 2. Juni 2015 im Main Echo 
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