Kindheit im Konzentrationslager

Zeitzeugnis: Ehemalige KZ-Gefangene Eva Franz erzählt ihre Geschichte im Julius-Echter-Gymnasium – als »Zigeunerin« deportiert

Häftlingsnummer 4167: Eva Franz hat das KZ Auschwitz überlebt. Heute ist sie eine von wenigen noch lebenden Zeitzeugen. Am Julius-Echter-Gymnasium erzählt sie ihre unfassbare Geschichte. Foto: Julia Preißer

Elsenfeld. Schemenhaft sind die Erinnerungen. Vieles weiß sie nur aus Erzählungen vom Vater aber manches aus ihrer bewegten Kindheit wird Eva Franz nie vergessen. Es sind schreckliche Dinge, die die 80-Jährige den Schülern des Julius Echter Gymnasiums am Dienstag erzählt hat. Schrecklich, unfassbar und für die 15- und 16-Jährigen Zuhörer weit weg von der Welt, in der sie leben.

Eva Franz war im Konzentrationslager. In Auschwitz, in Ravensbrück und in Bergen-Belsen. Als sie zwei Jahre alt ist, deportieren die Nazis die Familie nach Auschwitz – den Vater, die Mutter, die Schwester und Eva. Sie überlebt, der Vater auch. Mutter und Schwester sind zwei der 17000 europäischen Sinti und Roma, die unter Hitlers Führung ihr Leben lassen mussten.

Nun erzählt Eva Franz ihre Geschichte Schülern in ganz Deutschland - um aufzuklären, wie sie sagt. „Damit diese Zeit nie mehr wiederkommt.“ Für die kleine Eva von damals war ihre Zeit im Konzentrationslager Alltag. Ein Alltag voller Fragen aber trotzdem Alltag. Als sie die Mutter fragt, warum aus dem Schlot Rauch und Flammen aufsteigen, sagt ihr diese: „Da wird Brot gebacken.“ Eva glaubt der Mama, wie sollte sie nicht.

Die Mama ist damals Evas Lebensmittelpunkt. Wo sie ist, da ist auch Eva. Überall nimmt die Mama sie mit – zum Schuften und zum täglichen Appell. Sie lässt Eva nicht aus den Augen, sagt ihr, sie müsse schön brav sein und erklärt ihr, warum sie nicht an den Starkstrom-Zaun fassen darf - „dann sind wir alle tot.“

Eva macht was die Mama sagt aber sie hat Hunger und weint. Da erbettelt der Vater Brot bei einer Baracke auf der anderen Seite des Lagers. Im Schatten der Blocks stiehlt er sich nachts davon. Vorbei an Soldaten mit ihren Hunden und Scheinwerfern. Wenn ihn jemand sieht, ist er dran – verrät ihn ein anderer Häftling, ist es das gleiche. „Eines Tages haben sie ihn doch erwischt“, sagt Eva Franz. „Sie haben ihn ausgepeitscht bis das Blut spritzte.“

In der Aula des Julius-Echter-Gymnasiums ist es still. Die Schüler schauen zu Boden oder auf die Leinwand, die Bilder von Auschwitz zeigt: Leichenberge, abgemagerte Körper, Schlafpritschen aus Holz. Später wird Eva Franz noch erzählen wie Mutter und Schwester starben. Sie wird sich erinnern, wie die Mama beim Arbeiten einfach tot umfiel und wie ihr Mamas Freundin aus der Not heraus sagte, die Mama würde bloß schlafen.

Jetzt ist Eva Franz leise. Sie weint und Moderatorin Birgit Mair überbrückt die Zeit und erzählt von der Situation der Sinti und Roma im Nazi-Deutschland. Ausgegrenzt, als arbeitsscheu gebrandmarkt und als Zigeuner klassifiziert – im Vergleich zu heute scheint es Parallelen zu geben. In der Eurobarometer-Studie von 2008 wurden EU-Bürger befragt, mit welchen Nachbarn sie sich am unwohlsten fühlen würden. Die häufigste Antwort: Sinti und Roma.

Antiziganismus nennt man die „Zigeunerfeindlichkeit“ - abgeleitet vom Wort Antisemitismus. Eva Franz hat bis heute Angst davor. Obwohl sie als Zeitzeugin in der Öffentlichkeit auftritt, wird man in den Medien kaum Fotos von ihr finden. Sie möchte unerkannt bleiben und zeigt sich nur mit dem Rücken zur Kamera.

Die Schüler dürfen nun Fragen stellen. „Haben Sie noch Kontakt zu Leuten aus der damaligen Zeit?“ will jemand wissen. „Alle verstorben“, sagt sie. Sie habe ohnehin lange Zeit nicht darüber reden wollen. Selbst ihre Kinder wissen erst seit kurzem, dass die Mutter einst im KZ war. „Ich wollte nicht, dass sie einen Hass auf die Deutschen entwickeln.“

„Wie ist es für Sie, anderen Ihre Geschichte zu erzählen?“, fragt eine Schülerin. „Schwer“, sagt Franz. „Heimweh nach der Mutter.“ Ob auswandern nach dem Krieg mal in Frage gestanden habe? „Nein. Ich bin hier zur Schule gegangen, habe meinen Mann kennengelernt. Das stand nicht zur Debatte.“

70 Jahre sind seit ihrer Befreiung im KZ vergangen. 70 Jahre in denen Eva Franz auch positive Erinnerungen in ihrem Heimatland sammeln konnte. Die schreckliche Vergangenheit wird sie dennoch immer wieder einholen. Nicht zuletzt durch die Zahl 4167, die auf den Unterarm tätowiert ist – ihre Häftlingsnummer.

Sinti und Roma

Vor mehr 1000 Jahren brachen die Sinti und Roma aus Nordwest-Indien auf, um in Europa eine neue Heimat zu finden. Was sie dazu bewog, ist unbekannt. In der Bundesrepublik leben derzeit etwa 70000 Sinti mit deutscher Staatsangehörigkeit. Als Sinti bezeichnen sich die in West- und Mitteleuropa beheimateten Angehörigen der Minderheitengruppe, als Roma diejenigen aus Ost- und Südosteuropa. Der Begriff Zigeuner ist hingegen eine Fremdbezeichnung, die im Mittelalter ihren Ursprung hat und von den Sinti und Roma als diskriminierend abgelehnt wird. 1783 ebnete der Kulturhistoriker Heinrich Moritz Gottlieb Grellmann der rassistischen Verfolgung der Sinti in Deutschland den Weg. In seinem Buch „Die Zigeuner“ stellt er die Behauptung auf, dass den Sinti negative Charakterzüge angeboren seien. Viele Autoren und Politiker übernahmen Grellmanns These. Die Verfolgung erreichte in der NS-Zeit ihren traurigen Höhepunkt. Allein in Deutschland wurden rund 17000 Sinti ermordet. Nach dem Ende der Nazi-Diktatur dauerte es bis zum Jahr 1982, bis Bundeskanzler Helmut Schmidt die Ermordung der Sinti und Roma offiziell als Völkermord aus rassistischen Gründen anerkannte.

Erschienen am 5. März 2015 im Main Echo 
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