Videotheken-Sterben erfasst die Region

Video-on-Demand stiehlt Videotheken vor Ort die Kunden – vier Verleiher halten sich im Landkreis

Herr der Filme: Thomas Reis ist das Urgestein der Videothekare im Landkreis. Sein DVD-Point in Erlenbach besteht seit 1983. Foto: Julia Preißer

Erlenbach/Elsenfeld. Thomas Reis hat drei Jobs. Der Videothek-Besitzer aus Erlenbach arbeitet nebenbei als Winzer und als Aushilfe bei Marak Acryl in Trennfurt. Das war nicht immer so. Vor fünf Jahren reichte der Verdienst im Video-Point locker aus. Heute hat er im Vergleich zu damals fast die Hälfte des Umsatzes verloren.

So wie Reis geht es auch vielen seiner Kollegen. Seit Onlineportale wie Netflix, Watchever und Co. auf dem Markt sind, läuft den Videotheken die Kundschaft weg. 30 bis 35 Kunden kommen pro Wochentag nach Erlenbach, am Wochenende sind es knapp 70 – früher waren es täglich mehr als 100. Trotzdem hat Thomas Reis die Preise kaum geändert. 2,50 Euro kostet eine ältere, drei Euro eine neue DVD.

Bei Karsten Urlauber sieht es da schon anders aus. Der Besitzer der Video-Ecke in Elsenfeld musste zwangsläufig die Preise senken, zumal die zweite ortsansässige Videothek ebenfalls reduziert hat. Einen Euro kostet der Kalendertag derzeit. Über zu wenig Umsatz kann sich Karsten Urlauber nicht beschweren. „Am Wochenende ist hier die Hölle los“, erzählt er.

Um mit der Zeit zu gehen, will Urlauber bald eine Premium-Mitgliedschaft anbieten. Bei einer jährlichen Grundpauschale kann sich der Kunde dann unbegrenzt Filme ansehen. Ähnlich hält es Netflix – knapp acht Euro kostet der Spaß monatlich. „Für mich sind Onlineportale keine Alternative“, sagt Karsten Urlauber. „Ein Stream wird niemals die Qualität einer Blu-ray erreichen.“

Bei schlechter Internetverbindung heißt es schnell: HD adé! Heimkinoanlagen wie sie eingefleischte Filmfans ihr Eigen nennen, sind dann überflüssig. Das mag mit ein Grund sein, warum sich die Stammkundschaft in der Video-Ecke hartnäckig hält.

Ein Dorn im Auge ist beiden Videothekaren das immer kleiner werdende Verleihfenster. Bevor ein Film in den Verkauf ging blieben den Verleihern früher mehrere Monate in denen sie ihn exklusiv anbieten konnten. Nun sind sechs Wochen das höchste der Gefühle – manchmal erscheint der Film fast zeitgleich zum Verkauf und Verleih. Online-Händler wie Amazon bieten Vorreservierungen an, damit der Kunde noch schneller zum Zug kommt.

Für Jörg Weinrich, Vorstand des deutschen Interessenverbands des Video- und Medienfachhandels (IVD), liegt das Hauptproblem nicht bei den Online-Verleihern. Er macht die Videopiraterie für das Sterben der Videotheken verantwortlich. „Ehemalige Kunden nutzen illegale Gratisangebote. Gegen diese Konkurrenz, die unsere Produkte praktisch umsonst anbietet, ist es schwer zu bestehen. Der Videothekar vor Ort kann zwar einen guten Service bieten, aber umsonst verleihen kann er nicht.“

Weinrich fordert von der Politik hier gegenzusteuern. „Sonst wird die negative Entwicklung in den Medienmärkten weitergehen“, so der IVD-Vorstand. Ist der Film erst einmal im Laden, gibt es im Internet Kopien en masse. Auch vor dem Erscheinungsdatum können Filmfans mit Leichtigkeit an den neusten Streifen kommen. Im Kino abgefilmt ist dabei zweite Wahl. Die Piraten sitzen oftmals unerkannt in den Produktions- oder Vermarktungsketten selbst und haben so Zugang zum Original.

Über Videopiraten beschwert sich die Filmindustrie bereits seit der Jahrtausendwende. Videothekare wie Thomas Reis haben allerdings erst in den letzten Jahren signifikante Umsatzeinbußen vermeldet. Reis verdient mit seinem Video-Point nach eigenen Angaben im Vergleich zu 2012 nur rund die Hälfte. Netfilx ist seit 2014 auf dem deutschen Markt, Watchever seit 2013. Die Entwicklung spricht für sich.

Thomas Reis hat mittlerweile seine Öffnungszeiten geändert. Statt bis 22:30 Uhr hat er jetzt nur noch bis 21 Uhr geöffnet. Vormittags ist bis auf den Montag die Tür gänzlich geschlossen. Karsten Urlauber will mit zusätzlichen Produkten punkten und hat neben Filmen und Spielen auch das amerikanische Kult-Eis Ben & Jerrys im Angebot. „Du musst was haben, das andere nicht haben“, sagt er.

Solange es läuft wie zurzeit will Urlauber seine Videothek nicht an den Nagel hängen. „Ich bin mit Filmen und Spielen groß geworden. Das ist mein Traumjob.“ Wie die Entwicklung im Medienhandel weitergeht, steht in den Sternen. Urlauber bleibt optimistisch: „Wir haben bessere Preise und mehr Qualität. Watchever und Netflix haben auch keine Titel umsonst.“

Interessenverband des Video- und Medienfachhandels Deutschland (IVD)

Der IVD sieht sich als Vertreter von etwa 2000 Video- und Medienfachgeschäften – etwa 80 Prozent der Videotheken in Deutschland sind Mitglied. Sie erhalten Informationsmaterial wie Ranking-Listen für Filme und Spiele und können sich bei Rechtsfragen beraten lassen. Ein zweiter Tätigkeitsschwerpunkt des IVD ist die Lobbyarbeit zu aktuellen Themen wie Urheberrechtsschutz, Wettbewerbsgleichheit und Ausbildungsverordnung. Außerdem tritt der Berufsverband durch Pressemitteilungen, Messen und Tagungen an die Öffentlichkeit. Jährlich erscheinen aktuelle Zahlen und Fakten zum Videomarkt. Nächste Woche wird der IVD eine Bilanz zum Geschäftsjahr 2014 veröffentlichen.

Erschienen am 5. März 2015 im Main Echo 
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