Goodbye besseres Leben

Silvestervorsätze: Warum wir scheitern, wenn wir uns ändern wollen - ein Coach erklärt, wie abnehmen und Co. klappen können

Beim morgendlichen Blick in den Spiegel kommt ihm das Grausen: Wie soll er nur schaffen, was er sich vorgenommen hat? Foto: Julia Preißer

Kreis Miltenberg. Heute ist der zweite Tag des ersten Monats des neuen Jahres. Und? Schon fleißig auf dem Laufband gewesen? Oder doch lieber die Plauze gepflegt? Glaubt man einer aktuellen Forsa-Studie im Auftrag der DAK, rangiert Sport auf der Liste der guten Vorsätze weit oben. 53 Prozent der Befragten wollen sich im Alltag mehr bewegen. Doch die ruhmreiche Absicht weicht nicht selten nüchterner Realität.

Bei Fitnesstrainer Uli Giegerich aus Erlenbach herrscht im Januar Hochkonjunktur. “Ich bekomme doppelt so viele Anmeldungen, wie üblich”, erzählt er. Neben den Vorsätzen sei auch der Winterspeck Grund für den sportlichen Ehrgeiz seiner Kunden. “Das Laben an Weihnachten ist das letzte Zünglein an der Waage”, weiß der Trainer. Fünf von zehn Kunden blieben langfristig, der Rest sei nach einem Vierteljahr wieder weg.

Große Fitnessketten bauen auf den Schweinehund der Neujahrsmotivierten und nehmen mehr Kunden auf, als Kapazität da ist. Wenn nur jeder zweite Sportler so oft trainiert, wie er es sich anfangs vorgenommen hat, würden die meisten Studios aus den Nähten platzen. Vorsätze, das weiß jeder, werden regelmäßig gebrochen oder verwässert. Doch warum überfrachten wir uns mit Plänen, die wir nicht einhalten?

“Zum einen ist da natürlich die Gruppendynamik”, erklärt Coach Pierre Böhringer aus Obernburg. “Wenn alle am Neujahrstag neu anfangen, wollen wir mithalten. Zum anderen lädt der Jahresrückblick dazu ein, knallhart zu bilanzieren, was schief gelaufen ist. Und zu guter Letzt wollen wir nach außen ein gutes Bild abgeben und dazu gehört für viele auch der trainierte Oberkörper.”

Hinter dem Wunsch nach Veränderung vermutet Böhringer die Sorge, nicht gut genug zu sein. “Von klein auf werden wir nach Leistung beurteilt. Aber wenn ich etwas nur für andere tue, bleiben Motivation und Befriedigung auf der Strecke.” Der Coach empfiehlt, Vorsätze auf das zu durchforsten, was man wirklich will - sich Gutes tun, gesund leben, statt bewundernde Blicke zu ernten.

Bei seinen Klienten fällt Böhringer eine Motivationsstrategie auf, die meist ins Leere läuft. “Viele definieren was sie nicht wollen, statt zu definieren, was sie wollen. Wir brauchen eine Hin-zu-Motivation! Sagen Sie bloß nicht: “Ich will nicht mehr dick sein”, sondern lieber: “Ich wäre gerne sportlich, weil…” Wer Ziele nicht klar definieren könne, dessen Plänen seien zum Scheitern verurteilt.

Stimmt am Ende die Realität nicht mit den hohen Erwartungen überein, entsteht Frust. Wer es nicht schafft, weniger zu essen, tröstet sich möglicherweise mit noch mehr Schokolade. Und nach dem dritten Schokoriegel, der zehnten Zigarette und dem zweiten Bier des Tages gesteht man sich endlich ein: Goodbye besseres Leben!

Nun beginnt das schlechte Gewissen: Vorwürfe statt Vorsätze. “Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert”, sagte der irische Schriftsteller George Bernard Shaw. Und dann im nächsten Jahr an Silvester um Punkt 12: Ein Prosit und ein Neuanfang.

“Das Dumme an Vorsätzen ist, dass sie nur im Kopf funktionieren”, sagt Coach Böhringer. “Viele Menschen haben gar nicht den ernsthaften Wunsch, sich zu verändern. Veränderung macht Angst. Was bedeutet es denn, wenn ich abnehmen will? Das ist mit weniger essen nicht getan. Ich muss mein komplettes Leben umkrempeln.” Wer ein neuer Mensch werden will, aber nicht mal die To-do-Liste von letzter Woche abgearbeitet hat, überfordert sich.

Deshalb empfiehlt Böhringer Projekte statt Vorsätze. “Visualisieren Sie ihr Ziel und planen Sie kleine, konkrete, messbare Schritte. Wenn Sie bis zum Sommer fünf Kilo abnehmen wollen, bleiben Sie realistisch. Gehen Sie erstmal jeden Tag spazieren, statt gleich für den Marathon zu trainieren. Und das Wichtigste: Fangen Sie sofort an!”

Wer einen Stichtag brauche, sei auf dem Holzweg, so der Coach. “Das ist Selbstbetrug. Ich kann jeden Tag mit dem Rauchen aufhören, wenn ich es wirklich will.” Künstlich erzwungene Neuanfänge gehen oft - wie die Rakete vom Nachbarn - nach hinten los. Aber muss man zwangsläufig ein besserer Mensch werden?

Hören wir lieber auf, kläglich daran zu scheitern, jemand anders sein zu wollen. Es ist okay, keinen Bock auf Sport zu haben. Und es ist auch okay, hin und wieder lieber Fertigpizza zu schlemmen, als am Feldsalat zu knabbern. Plauze pflegen eben!

Umfrage: “Was sind Ihre Vorsätze?”

Karlheinz Specht aus Bürgstadt
Ich brauche keine Vorsätze mehr. 1998 habe ich mit dem Rauchen aufgehört, seit 2010 trinke ich keinen Alkohol mehr. Somit habe ich schon viel erreicht, was ich mir vorgenommen habe. Was ich geändert habe, habe ich der Gesundheit willen getan und nicht, weil es der 1. Januar war. Man kann doch jeden Tag bewusster leben.

Michaela Schwarz aus Röllbach
Auf Kommando alles anders zu machen, funktioniert nicht. Wenn ich mir etwas vorgenommen habe, kann ich es auch gleich in die Tat umsetzen. Klar, früher habe ich zu Neujahr versucht, mich gesünder zu ernähren und mehr Sport zu machen. Aber letztendlich hält man Vorsätze zu Silvester sowieso nicht ein.

Mattias Neumann aus Karlstad in Schweden (zu Besuch bei Verwandten in Michelstadt)
Ich will mehr trainieren. Das klingt jetzt sehr “originell”. Ich hatte den Vorsatz bereits letztes Jahr und habe bis September auch gut durchgehalten. Als es dann kälter und dunkler wurde bei uns in Schweden, wollte ich draußen keinen Sport mehr machen. Deshalb ist das Training weniger geworden. Aber jetzt will ich wieder loslegen. Außerdem würde ich gerne weniger arbeiten, aber das umzusetzen wird wohl schwierig.

Erschienen am 2. Januar 2019 im Main Echo 
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