Heimstatt eines Weltenbummlers

Tag des Denkmals: Weißes Schlösschen am Grauberg birgt eine fantastische Geschichte

Das Weiße Schloss 1870, daneben Capitain in der Tracht eines osmanischen Majors.

Miltenberg. Versteckt hinter Tannen und Buchen liegt das Weiße Schlösschen auf dem Grauberg - erbaut 1849. Berühmtester Besitzer: Weltenbummler Johann Robert von Capitain. Am Sonntag durften neugierige Augen beim Tag des offenen Denkmals einen Blick hinter sonst verschlossene Türen werfen.

Viel ist nicht mehr übrig von damals, als Capitain 1866 das Schlösschen kaufte und zu einem kleinen Palast umbaute. Aus der Inneneinrichtung ist alles verkauft. Die lose befestigten Zinnen und das undichte Walmdach konnten den Schneefällen von 1948 nicht standhalten. Nur der Parkettfußboden mit seinen quadratischen Kassetten und die prunkvolle Deckenbemalung im türkischen Zimmer erinnern noch an alten Glanz.

Geglänzt hat das Schlösschen dereinst und mit ihm Johann Robert von Capitain, dessen Lebensweg ihn auf unkonventionelle Bahnen führte. Er war Gerber und Gefangener, Arzt und Adeliger, Wohltäter und Weltenbummler. Als Sohn eines Frankfurter Handwerkers geboren, verdingte sich Capitain zunächst als Gerber. Doch sein eigentliches Ziel war das Reisen.

Seine beiden großen Fahrten brachten ihn bis nach Indien. Gewissenhaft geführte Tagebucheinträge erzählen heute vom Schicksal des Reisenden: Als Piraten sein Schiff kapern, verschonen sie niemanden, bis auf Capitain. Der trägt einen Medizinkoffer bei sich und wird unfreiwillig zum Schiffsarzt, bis er nach vier Monaten frei kommt.

Später rettet er den Schwiegersohn des osmanischen Sultans vor dem Ertrinken aus dem Bosporus. Von da an geht es mit Capitains Karriere steil bergauf: Er wird der persönliche Adjutant des Prinzen und avanciert zum Major der osmanischen Armee.

“Der Prinz hat ihn mit Reichtümern regelrecht überschüttet”, weiß Chronikschreiber Klaus Hench. Er und der jetzige Besitzer des Schlösschens, Michael Söller, führen am Denkmaltag durchs Gebäude. In vier Erdgeschosszimmern hängen Infotafeln - wenige über das Schloss, viele über Capitain. Bis heute ist er schillerndes Aushängeschild des Weißen Schlösschens.

Dabei war Capitain nicht der erste und auch nicht der einzig bekannte Eigentümer. Gebaut hat das Schloss Freiherr Ernst von Woldeck - damals noch als einstöckige Villa. Es war das erste Gebäude auf dem Grauberg, das außerhalb der Stadtmauer lag. Um es mit Wasser zu versorgen, erwarb Woldeck vom Fürst zu Leiningen eine Bergquelle, die er zu seinem Besitz leitete.

Nur knapp 17 Jahre später verkaufte Woldecks Wittwe das Schloss an von Capitain. Der wurde während einer Italienreise in den Adelsstand erhoben und engagierte sich ab da als Wohltäter der Stadt Miltenberg.

Capitains Leben endete 1881 in Palermo. Sein Grab findet sich auf dem Miltenberger Laurentiusfriedhof. Das Schlösschen ging dann durch mehrere Hände und befindet sich heute im Besitz der Söller-Familie. Romantik und Prunk sucht man vergebens. Das Gebäude ist Niederlassung der Natursteinfirma Winterhelt. Statt orientalischen Kostbarkeiten schmücken Musterplatten aus Sandstein und Granit die Wände. Die ehemalige Hauskapelle dient als Büro. Zuletzt konnten Besucher 2011 die Räume besichtigen. Bis zum nächsten Mal versteckt sich das Weiße Schlösschen weiter hinter Tannen.

Erschienen am 12. September 2017 im Main Echo 
Keltische Kunst und römische Rachegöttin
Zur Liste
Kraftakte im Krempelparadies