Erst Euphorie, dann Entsetzen

Literatur im JEG: Schüler lesen neben Jünger, Remarque und Tucholsky auch alte Feldpost aus dem ersten Weltkrieg – „Wir wollen erinnern!“

Foto: Julia Preißer

Elsenfeld. 2014 ist das Jahr der Erinnerung – vor 100 Jahren begann der erste Weltkrieg. Die zehnten Klassen des Julius Echter Gymnasiums in Elsenfeld haben einmal auf ganz andere Art zum Erinnern angeregt. Statt Geschichtsbücher wälzten sie Feldpost, Zeitungsausschnitte und Gedichtbände. Was sie dort fanden, stellten sie am Donnerstagabend in einer Lesung und einer Ausstellung in der Aula der Schule vor.

Auch der Brief eines jungen Kriegsfreiwilligen aus Aschaffenburger ist unter den Zeitzeugnissen. „Hoch Deutschland! Nieder mit Frankreich!“ steht auf den Eisenbahnwägen, mit denen er und seine Kameraden nach Elsass-Lothringen fahren. „Warum ich mich als Freiwilliger gemeldet habe?“, fragt der Soldat in seinem Brief. „Nicht, weil ich es für eine große Tat halte, viele Menschen totzuschießen oder mich sonst wie auszuzeichnen – im Gegenteil. Ich finde den Krieg etwas sehr sehr Schlimmes. Aber seelisch bin ich ziemlich in Ordnung und bin stolz, mitkämpfen zu dürfen für alles, was mir bisher das Höchste war. Es ist traurig aber groß.“

Fotos von jubelnden Soldaten und Kriegsfreiwilligen, die sich im August 1914 zu den Fahnen meldeten, zeigen Vermessenheit, Infantilismus, Idealismus und geistige Manipulation. Der Journalist und Satiriker Kurt Tucholsky (1880 – 1935) griff dies in seinem „Demonstranten-Brief“ auf: „Reiterattacke, die Säbel sausen, gespaltene Schädel, spritzendes Blut, quellende Eingeweide ... Herrlich! Großartig! Welchem Patrioten schlägt das Herz nicht höher, wenn er sich vorstellt, wie Deutschland so einmal wieder kriegerischen Lorbeer pflückt. Ach, was gibt es Schöneres als den Krieg?“

Satire beschreibt immer auch ein bisschen Wahrheit und was Tucholsky hier persifliert, hatte als pointierter Blick auf Nation und Gesellschaft 1914 durchaus seine Daseinsberechtigung – auch wenn es vielen gegen den Strich ging. „Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr“, schreibt der Schriftsteller Ernst Jünger (1895 – 1998) in seinem Kriegstagebuch „In Stahlgewittern“.

Dass sich auch große Denker, Journalisten und Schriftsteller von Aufbruchstimmung und Glanz des Kriegsbeginns haben mitreißen lassen, machen die Schüler im ersten Teil der Lesung deutlich. Sie lesen das „Reiterlied“ – ein Gedicht des späteren Pazifisten Gerhart Hauptmann (1862 – 1946). In dem 1914 verfassten Text wollen feindliche Räuber Deutschland an die Ehre: „Es kommt wohl ein Franzos daher / Wer da, wer? / Deutschland wir wollen an deine Ehr’ / Nimmermehr / Schon wecken die Trompeten durch das Land / jeder hat ein Schwert zur Hand / man kennt es gut, dies gute Schwert / von Spichern, Weißenburg und Wörth / das deutsche Schwert".

Später schlug die Kriegsbegeisterung in Friedenssehnsucht um. Der Seesoldat Max Rempel schreibt im Januar 1915 aus Brügge an seine Eltern. „... und dann die grausige Kälte, manchmal waren meine Beine bis ans Knie erstarrt“ und Willy Pfister ergänzt „Man steht sozusagen als lebende Zielscheibe im Graben.“ August Stramm (1874 – 1915), expressionistischer Dichter, findet nur Satzfetzen und Wortteile für das Grauen. Im Gedicht „Patrouille“ schreibt er: „Die Steine feinden / Fenster grinst Verrat / Äste würgen / Berge Sträucher blättern raschlig / Gellen / Tod.“ Die Schüler lesen die Verse abwechselnd und schaffen so noch mehr Abstraktheit.

„Nach Wärme, nach irgendetwas Menschlichem in dieser unheimlichen Einsamkeit“ bangt Ernst Jünger 1915 an der deutschen Westfront. Vergessen ist die Heroisierung des Krieges, die man Jüngers Werken später immer wieder vorgeworfen hat. „Die Gedanken wandern … und man denkt an schöne, gemütliche Tage zu Hause.“ schreibt Jünger. Doch wenn der Gegner des Nachts an seinem Drahtverhau arbeite, ziele man dorthin und hoffe einen zu treffen – nicht nur, weil es befohlen sei, man empfinde auch eine „gewisse Befriedigung“.

Auch Carl Zuckmayer erlebte, wie sich anfängliche Euphorie erst in Entsetzen und dann in eine glühend pazifistische Einstellung wandelte. Er beschreibt seine Erlebnisse während des ersten Weltkriegs unter anderem in seiner Autobiographie „Als wär's ein Stück von mir“. Ebenfalls zu den herausragenden Chronisten des Krieges gehört Erich Maria Remarque (1898 – 1970) – Autor des Antikriegsromans „Im Westen nichts Neues“. Die JEG-Schüler zeigen eine Schlüsselszene der Verfilmung von 1930: Der patriotische Lehrer Kantorek schildert seinen „Schützlingen“ in einer flammenden Rede die Vorzüge des Heldentods und fordert sie auf, sich freiwillig für die Armee zu melden.

Die Lesung der Elsenfelder Gymnasiasten wirkt beklemmend, teils fremd und doch vertraut, weil sie nahe am Menschen ist – dem kleinen wie dem großen. Mit Feldpostbriefen von gefallenen Soldaten beenden die Schüler die Veranstaltung. Die Erinnerung, so Schulleiter Ulrich Gronemann, sei es, die seit drei Menschengenerationen Friede schaffe. „Wir haben diese Geschehnisse nicht vergessen. Diese Erinnerung ist das einzig Wertvolle, was uns aus den Kriegen geblieben ist. Sie bewahrt uns vor einer Wiederholung solcher Katastrophen“.

Wer sich für Zeitzeugnisse des ersten Weltkrieges wie Feldpostbriefe oder Bilder interessiert, kann auf der Seite www.europeana1914-1918.eu nachschlagen. Die Website vereinigt Materialien aus Bibliotheken und Archiven aus aller Welt mit privaten Erinnerungsstücken von Familien aus ganz Europa.

Interview

Zeitzeugnisse unterschiedliche Herkunft zu einem Thema zu sammeln kann schwierig sein – vor allem, wenn es sich dabei auch um Briefe ganz „normaler“ Menschen handelt, die nicht der breiten Masse vorliegen. Die Zehntklässler des Julius Echter Gymnasiums haben Feldpost, Gedichte, Schriften und Zeitungsausschnitte aus dem ersten Weltkrieg gesammelt und in einer Lesung literarisch aufgearbeitet. Main-Echo-Mitarbeiterin Julia Preißer hat mit dem Schüler Marvin Helferich aus der 10b über das Projekt gesprochen.

Wie habt ihr euch auf das Projekt vorbereitet? Wir haben zwei bis drei Wochen daran gearbeitet. Hauptsächlich wollten wir Erlebnisse von Soldaten, die im ersten Weltkrieg gekämpft haben, festhalten. Ich habe einen Text von Ernst Jünger gelesen – „In Stahlgewittern“. Jünger war selbst an der Front und hat darüber geschrieben. Uns war es wichtig die Geschichten auf diesem literarischen, persönlicheren Weg zu vermitteln – damit sie so auch nicht so schnell in Vergessenheit geraten.

Wie habt ihr recherchiert? Unsere Deutschlehrer haben für uns die Vorrecherche übernommen. Wir selbst haben uns über das Internet noch genauer informiert und nachgeschlagen und dann eben Texte ausgewählt und besprochen. In der letzten Woche vor der Präsentation haben wir uns dann nachmittags zum Vorbereiten getroffen.

In eurer Präsentation wurde ein Text von Kurt Tucholsky vorgelesen, indem er sich satirisch mit der Kriegseuphorie auseinander setzt. Er selbst hat mal gesagt: „Satire darf alles!“ Wie siehst du das in dem Zusammenhang? Kurt Tucholsky hat diese Persiflage ja zu Beginn des Krieges verfasst – da war die Kriegseuphorie sehr groß. In diesem Zusammenhang kann ich das, was er geschrieben hat, nachvollziehen und finde es gerechtfertigt. Ich hätte es auch nachvollziehen können, wenn er es zu einem späteren Zeitpunkt geschrieben hätte. Ich denke, da entsteht irgendwann dieser Zweckoptimismus, den er damit deutlich machen wollte.

Erschienen am 12. Juli 2014 im Main Echo 
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