Wenn das Wild am Bäumchen knabbert

Forstgutachten: Startschuss für Stichprobenerhebung im Trennfurter Wald - Höhe des Verbissschadens bestimmt Abschusszahlen

Förster Frank Popp misst im Trennfurter Wald die Bäumchanhöhe und hält nach Verbissspuren Ausschau. Die Aktion ist Teil einer bayernweiten Stichprobenerhebung. Foto: Julia Preißer

Klingenberg. Wald vor Wild oder Wild vor Wald? Diese Frage treibt seit Jahren Naturliebhaber um. Die Jäger wünschen sich mehr, die Revierförster weniger Wild, weil es Triebe und Knospen abfrisst und somit der Waldverjüngung im Weg steht.

Ein aktuelles Forstgutachten soll klären, wie groß der Verbissschaden wirklich ist. Im Landkreis Miltenberg sind deshalb in den nächsten Wochen vermehrt Förster unterwegs, die stichprobenartig junge Bäume untersuchen. Am Samstag war die Auftaktveranstaltung im Klingenberger Gemeindewald. Waldbesitzer, Förster, Jäger und Landwirte nahmen gemeinsam erste Stichproben.

Förster Frank Popp hatte der Einfachheit halber bunte Wäscheklammern zweckentfremdet. Sie signalisierten die Baumhöhe und klemmten an den Zweigen. Berücksichtigt wurden nur Bäumchen, die zwischen 20 Zentimeter und der maximalen Verbisshöhe liegen. Das bisherige Ergebnis in Trennfurt: kaum Verbiss.

Zwei Monate wird es dauern, bis Popp und seine Helfer die gesamte Hegegemeinschaft rund um Obernburg erfasst haben. Etwa 30 Verjüngungsflächen gilt es zu protokollieren.

Auf jeder untersucht das Team entlang einer Geraden an fünf Stichprobenpunkten jeweils 15 Einzelbäumchen. Erfasst werden Baumart und Höhe, Leittriebverbiss, Verbiss im oberen Drittel und Fegeschäden.

In Trennfurt stehen vorwiegend kleine Buchen, Kiefern und Fichten. Beliebt beim heimischen Rot- und Rehwild ist die Kiefer. »Seltenes wird stärker verbissen«, weiß Berthold Ort vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Karlstadt. Wolle man den Mischwald erhalten, könne dies zum Problem werden. »Hier gilt die Prämisse: Wald vor Wild«, so Ort.

Bei der letzten Stichprobenerhebung vor drei Jahren waren die Verbissschäden in der regionalen Hegegemeinschaft Obernburg verhältnismäßig klein. Wenig Verbiss bedeutet: Die Abschusszahlen können gleich bleiben. Ist viel Verbiss vorhanden, sollen die Jäger mehr Wild erlegen. Die Abschussplanung selbst erstellt die untere Jagdbehörde nach Empfehlungen der Forstverwaltung.

Die Jäger gehen hierbei mit den Förstern selten konform. Sie beklagen die rückläufigen Rehwildbestände und wollen die Artenvielfalt erhalten. Um beiden Parteien Zeit zur Aussprache zu geben, hatte Forstdirektor Berthold Ort am Samstag eine Diskussionsrunde geplant, die aber im Sande verlief.

Sollten die Verbissschäden wie erwartet in die Kategorien günstig oder tragbar fallen, müssen die Jäger ohnehin nichts ändern. Für die Förster bleibt dann noch zu klären, welche Bäume sich für welche Flächen eignen. Dazu geben die höheren Bäumchen in der Verjüngungsfläche Aufschluss. Alles was groß ist, wächst gut, ist für die Fläche geeignet und kann potenziell noch größer werden.

Ab Mai wertet die Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft in Freising die Daten aus und stellt sie dem Forstamt zur Verfügung. Im Herbst soll das Gutachten planmäßig fertig sein, danach wird es an die unteren Jagdbehörden weitergereicht. Zuvor will das Forstamt - wenn von Waldbesitzern und Jägern gewünscht - eine Informationsveranstaltung starten.

Hintergrund: Wald vor Wild

Der vielfach zitierte Spruch »Wald vor Wild« ist im Bayerischen Waldgesetz verankert. Damit soll vorrangig die Vegetation berücksichtigt werden - insbesondere in Bezug auf die Waldverjüngung. Die Forstverwaltung strebt eine waldgerechte Jagd an und will junge Pflanzen vor Verbiss und Fegeschäden schützen. Jäger und Jagdbehörde wiederum verweisen in ihrer Gegenargumentation auf die Weidgerechtigkeit, die einen würdigen Umgang mit Wildtieren zum Ziel hat. So ist unter anderem vorgeschrieben, dass Muttertiere geschützt werden sollen. Auseinandersetzungen zum Thema Abschusszahlen gibt es nicht nur zwischen Jägern und Förstern. Auch die Landwirte, deren Felder an Waldstücke grenzen, befürworten vielfach höhere Abschusszahlen - allerdings meist in Bezug auf das Schwarzwild (Wildschweine), das die Felder verwüstet.

Erschienen am 3. März 2015 im Main Echo 
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