Weltenbummler Willi darf bleiben

Uralt-Kahn ”Willi” ruht sich im Erlenbacher Schiffshafen aus, bevor’s wieder auf Tour geht

Foto: Julia Preißer

Erlenbach. Willi ist ein Methusalem unter den Schiffen. Der Binnenkahn zählt 112 Jahre. Schiffe aus seiner Generation sind rar. Die meisten wurden in den beiden Weltkriegen zerbombt und versenkt. Doch Willi, der heute im Erlenbacher Schutzhafen seinen Liegeplatz hat, blieb unbeschadet.

Gepflegt und auf Vordermann gebracht wird Willi vom Schweizer Verein Historische Binnenschifffahrt. Jeden Sommer schippern die Vereinsmitglieder mit Willi über die europäischen Wasserstraßen. Die Brüsseler Kanäle, der Eiffelturm in Paris, das Europaparlament in Straßburg, die Liebfrauenkirche in Antwerpen, die barocken Prager Stadthäuser und der historische Leuvehaven in Rotterdam sind Orte, denen Weltenbummler Willi bereits einen Besuch abgestattet hat.

Um die aufwendigen Reparaturen finanzieren zu können, nimmt die Mannschaft auf ihren Kreuzfahrten regelmäßig Gäste - meist Vereinsmitglieder aus dem Ausland - mit. Wer hier Luxus erwartet, wird enttäuscht. Die Gäste schlafen auf Iso-Matten und Feldbetten im Frachtraum. In kalten Nächten sinken die Temperaturen auf fünf Grad, in heißen stockt die Hitze bei 35 Grad. Zur Abkühlung gibt es eine Dusche die der Verein unter Deck nachgerüstet hat. Auch einen modernen Daimler-Benz-Busmotor hat Willi bekommen.

Ursprünglich war Willi ein Treidelkahn. Weil es keine Motoren gab, zogen Pferde oder Lokomotiven Willi an Seilen durch die Flüsse und Kanäle. Der Verein Historische Binnenschifffahrt hatte das Schiff 2004 vor dem Schrotthafen gerettet. Damals verfügte Willi weder über Strom noch über eine Toilette. Der Verein restaurierte das Schiff umfangreich, ließ aber einen Großteil der Messinstrumente auf der Brücke sowie das Steuerrad im Original. Auch unter Deck hat sich nicht viel verändert. Lediglich die Toilette samt Dusche sowie eine Kochnische kamen hinzu. Weil während der Fahrten oft ungeplante Reparaturen anfallen, lagern Schraubenzieher, Zange, Hammer, Metallsäge und mehr unter Deck in einer Mini-Werkstatt samt Werkbank. Auch die Gäste packen beim Reparieren mit an.

Für größere Instandsetzungen ist Willi regelmäßig in der Erlenbacher Schiffswerft. Dort kümmern sich die Arbeiter darum, dass Willi nicht nur als Denkmal erhalten bleibt, sondern auch weiterhin alle Zulassungen besitzt, um als Bereisungsschiff fahren zu dürfen. Das Weltenbummeln wird Willi also nicht aufgeben müssen. Wer mit Willi fahren will, muss Mitglied im Verein Historische Binnenschifffahrt sein. Anmelden kann man sich auf der Vereinswebsite. 300 Mitglieder aus 13 Nationen unterstützen Willi mit jährlichen Beiträgen. Besonders beliebt ist der Kahn bei Amerikanern, die ihren Urlaub gern ausgefallen verbringen. Die Gäste heuern als Hilfsmatrosen auf dem Schiff an, helfen aus, wo sie können und dürfen zur Belohnung und unter Aufsicht den Kahn für kurze Strecken selbst steuern.

In den kalten Wintermonaten wird Willi eingemottet und im Erlenbacher Schutzhafen vertaut. Dass er dort weiterhin überwintern darf, stand zunächst in Frage. Der Mietvertrag lief aus und Willi sollten seinen Hafenplatz verlieren. Doch der Erlenbacher Stadtrat Benjamin Bohlender (SPD) und der SPD-Bundestagsabgeordneter Bernd Rützel setzten sich dafür ein, dass Willi bleiben darf. "Kaum jemand aus Erlenbach weiß von Willi. Es wäre doch toll, wenn wir das Schiff künftig für Veranstaltungen nutzen könnten", sagt Bohlender. Auch den wirtschaftlichen Faktor, den Willi der Werft und somit auch der Stadt einbringt, finden Bohlender und Rützel wichtig.

Willi soll nun neben seinen Reisen auch als Museumsschiff dienen. An ihm lässt sich ablesen, wie sich die Schiffahrt in den letzten 110 Jahren verändert hat. Benjamin Bohlender hofft auf eine Kooperation zwischen Verein und Stadt. Führungen könnten sowohl über die Geschichte des Schiffs als auch über eine nachhaltige und ökologische Schifffahrt informieren. Auch für Jubiläen, Vereinsfest und Kunstausstellungen ist im Frachtraum Platz. Hier hatte bereits die Künstlerin Rosa Rachenmeier Fotos rheinischer Häfen ausgestellt.

Zahlen und Fakten: Historisches Binnenschiff Willi

Willi ist eine "Peniche" oder auch "Spitz" genannt. Gebaut wurde er 1909 in den Niederlanden. Er ist 39,36 Meter lang. Bei einem Tiefgang von 2,10 Meter kann er 30862 Tonnen Ladung transportieren. Ein Daimler-Benz-Busmotor mit 200 PS treibt Willi an. Erst in den 1960ern erhielt Willi seinen ersten Motor. Ursprünglich war er ein Treidelkahn: Pferde, Lokomotiven und manchmal auch Menschen zogen ihn durch die Kanäle. Bevor der Schweizer Verein Historische Binnenschifffahrt Willi 2004 komplett restaurierte, war er kurzzeitig Eigentum des Mannheimer Schifffahrtsvereins. Weil diesem das Geld für weitere Restaurationen fehlte, verkaufte er Will in die Schweiz. Seit 2016 darf Willi wieder offiziell als Binnenschiff unterwegs sein.

Erschienen am 17. Februar 2022 im Main Echo 
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