Fette Ratte, Uraltinstrumente und gewollter Luxusverzicht

Historische Schifffahrt: Kahn Willi schippt mit 106 Jahren mainaufwärts von Erlenbach nach Passau – Schweizer Verein machte das Schiff flott

Ausprobieren erlaubt: Künstlerin und Teilzeit-Mannschaftsmitglied Rosa Lachenmeier übernimmt kurzzeitig das Steuer auf dem historischen Frachter Willi. Foto: Julia Preißer

Erlenbach. Willi ist ein Schwergewicht. 80 Tonnen wiegt der Koloss – deutlich mehr als seine Nachkommen, die heute nur rund die Hälfte auf die Wage bringen. Meter für Meter kämpft sich Willi mainaufwärts. Als Treidelkahn erbaut, hat er in seinen 106 Lenzen schon viel erlebt. Heute am Samstag schifft er auf dem Main von Erlenbach nach Miltenberg. An Bord: Ein Schiffsführer, ein Matrose, ein Decksmann, eine Künstlerin, ihr Lebensgefährte und zwei Texaner, die die Welt erkunden.

Alle sieben teilen die Begeisterung für alte Schiffe. Und alle sieben sind Mitglieder im Schweizer Verein Historische Binnenschifffahrt. Schiffsführer Jürgen Tiedtke und Matrose Jörg Autino waren schon beruflich auf Europas Wasserstraßen unterwegs und kennen sich aus. Decksmann Peter Michel ist gelernter Speditionskaufmann, hat aber die meiste Zeit als Funkoperator gearbeitet. „Der Mann für alles“ - so nennt ihn die Mannschaft.

Die anderen vier sind Amateure und genießen die Aussicht und das Leben unter Deck. Ist der Trupp erst einmal in Miltenberg angekommen, geht es weiter über Würzburg und Nürnberg bis nach Passau. Dort ist finaler Stopp – 13 Tage dauert die Reise. Künstlerin Rosa Lachenmeier und ihr Lebensgefährte steigen in Miltenberg aus. Vor und während der Fahrt inspizieren sie Willi als potentiellen Raum für eine Ausstellung. Fotocollagen auf denen rheinische Häfen zu sehen sind, sollen an Ketten von der Decke hängen.

Mit Smartphone-Kamera begibt sich die Künstlerin unter Deck auf Entdeckungstour. Den größten Raum hat die Mannschaft zum Schlaf-, Ess- und Kochzimmer umfunktioniert. Feldbetten bieten den bestmöglichen Komfort. Einer der Texaner liegt schon darauf und hält ein Schläfchen. Es scheint ihn nicht zu stören, dass es über seinem Kopf rumpelt – Tiedtke und Autino schrubben gerade das Deck.

„Das und das wird weggeräumt, damit die Bilder Platz haben“, erklärt die Künstlerin und zeigt auf die Betten und den Esstisch. Über letzterem baumelt, am Schwanz aufgehängt, eine fette Ratte – aus Stoff selbstverständlich. Sie ist das Bordmaskottchen und fährt stets mit, wenn Willi auf Tour geht. Der Verein hat das damals schrottreife Schiff 2004 gekauft. Es lag bereits ein bewegtes Leben hinter ihm. Zwei Weltkriege hat Willi heil überstanden. Nicht viele Schiffe können das von sich sagen.

Auf seinem Lebensweg sah Willi den Eifelturm, fuhr durch die Wasserstraßen von Brüssel, liebäugelte mit der Liebfrauenkathedrale in Antwerpen, schippte durch Rotterdamm, Metz, Lyon, Marseille und Straßburg. Er war ein wahrer Weltenbummler und soll es wieder werden. „Unser Ziel ist das Schwarze Meer – da war Willi noch nicht“, erklärt Matrose Jörg Autino. „Oder nochmal Paris.“

Das Leben an Deck ist für Autino und seine Mannschaftskollegen wie der Himmel auf Erden. Vier Kühlschränke sorgen für frische Zutaten und in der kleinen Kochnische lässt sich das eine oder andere Schmankerl zubereiten. „Wenn der Schiffsführer es erlaubt, essen wir abends auch mal an Land. So ist das bei der Schifffahrt. Der Kapitän hat das Sagen“, erklärt Autino. Schiffsführer Jürgen Tiedtke ist ein Gourmet und zieht Wirtshauskost dem Selbstgebruzelten vor.

Für Willi ist die heutige Fahrt die erste nach seiner Winterruhe. In den kalten Monaten liegt er am Erlenbacher Schiffshafen vor Anker. Um Pfingsten herum geht’s dann auf Tour. „Letztes Jahr war's kalt“, erinnert sich Decksmann Peter Michel. „5 Grad. Aber wir hatten auch schon 35 Grad unter Deck. Das heizt sich hier enorm auf. Ist ja alles aus Eisen.“

Gegen Schweiß und erhitzte Körper gibt es unter Deck eine Dusche. Der Verein hat den Willi zwar sanitärmäßig aufgestockt, doch großartig kultivieren kann man sich hier nicht. „Wenn wir Frauen mitnehmen, sagen wir immer: Die Kosmetiktäschchen dürft ihr daheim lassen“, scherzt Autino. Für Texaner Paul Michael Rimmelin aus New Braunfels ist der gewollte Luxusverzicht zwar eine neue Erfahrung aber „no problem“.

Zuhause hat er alles verkauft – sein Versicherungsbüro, sein Haus am Meer. Nun tourt er durch die Welt und genießt jetzt das einfache Leben mit Willi und Mannschaft. 1983 hat er eine Zeit lang in Deutschland gelebt und hier Kontakte gesammelt. Seit kurzem ist er Mitglied im Schweizer Verein Historische Binnenschifffahrt. Man muss kein Schweizer sein, um beizutreten. Eine Anmeldung im Internet genügt. 13 Nationen sind mittlerweile registriert und nur wer Mitglied ist, darf mit auf den Willi.

Die Schweiz ist aktuell zwar keine Schiffernation, eine lange Geschichte in der Schifffahrt hat sie trotzdem. „Die Schweizerische Reederei hatte in den 1930ern über 160 Schiffe“, weiß Matrose Jörg Autino. Willi stammt ursprünglich nicht aus der Schweiz, sondern hat seine Wurzeln in den Niederlanden. Der Verein hat den Kahn vor dem Schrottplatz gerettet und aufgepäppelt. Auf der Brücke reihen sich Uralt-Instrumente neben neuste GPS-Technik. Unter Deck erzählen ein Schleppbock und ein alter Ofen von längst vergangenen Zeiten.

An der Wand pinnt ein Zettel: „Achtung Willitis – Eine ansteckende Krankheit geht um!“ Wer dem Willi verfallen ist, reagiert laut Warnhinweis mit Herzklopfen, Schweißausbrüchen und Freizeitverlust. Die Mannschaft weiß: Das stimmt!

Eckdaten Binnenschiff Willi:

Willi ist ein Binnenschiff genannt „Peniche“ oder auf Deutsch „Spitz“. Er wurde 1909 im niederländischen Deest erbaut, ist 39,36 Meter lang und 5.01 Meter breit. Bei einem Tiefgang von 2,10 Metern kann er 300862 Tonnen Ladung transportieren. Dies entspricht dem Transportvolumen von zehn Lastwägen. Ein Busmotor, Mercedes OM 355 mit 200 PS, treibt Willi an. Ursprünglich war Willi aber ein Treidelkahn. Pferde, Lokomotiven und Menschen zogen ihn durch die Kanäle. Einen Motor erhielt er erst in den 1960ern, den jetzigen hat er seit 1972. Bevor er den Weg zum Schweizer Verein für Historische Binnenschifffahrt fand, war er kurzzeitig Eigentum des Mannheimer Schifffahrtsverein. Weil diesem das Geld für die vorgeschriebene technische Untersuchung fehlte, verkaufte er Willi in die Schweiz. Seine SUK-Untersuchung hat Willi bestanden und bis Oktober 2016 ein Attest, dass ihm erlaubt als Binnenschiff unterwegs zu sein. Der Schweizer Verein rechnet damit, dass für das nächste Attest eine umfassende Sanierung des Bodens nötig ist.

Erschienen am 11. Mai 2015 im Main Echo 
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