Viel Wind um Windkraft in Boxbrunn

Bürgerinitiative: Ortssprecher Peter Bonefas gründet Interessensgemeinschaft gegen die vier geplanten Windkrafträder im Amorbacher Ortsteil

Bunt wird die geplante Windkraftanlage in Boxbrunn sicher nicht. Ob sie überhaupt entsteht, ist bislang unklar. Eine Bürgerinitiative will sich nun gegen den Bau wehren. Foto: Julia Preißer

Amorbach-Boxbrunn. Eines ist Ortssprecher Peter Bonefas besonders wichtig: “Wir sind keine Windkraftgegner!” Bonefas führte am Freitagabend beim ersten offiziellen Treffen der neu gegründeten Bürgerinitiative Naturpark Boxbrunn das Wort. Auch die ernannte Sprecherin der Gruppe, Tina Müller, legte sich ordentlich für ihr Anliegen ins Zeug: Keine Windkraft in und um Boxbrunn!

“Wir haben nichts gegen erneuerbare Energien. Wir bezweifeln nur, dass sie hier bei uns sinnvoll sind”, sagt Bonefas und die rund 20 anderen im Saal nicken bekräftigend. Tina Müller zieht Argumente wie den Schutz des Rotmilans, einen vom Aussterben bedrohten Raubvogel, der rund um Boxbrunn häufig anzutreffen ist. Er sei, wie Müller sagt “schlaggefährdet” und könne unter die Räder der Windkraftanlage geraten.

Anderen liegt die Mopsfledermaus am Herzen. Auf dem Windpark Hainhaus im benachbarten Lützelbach hatten Naturschützer ein angepasstes Abschalten der Anlagen zu Flugzeiten der seltenen Tiere erwirkt. Das Ergebnis: deutliche finanzielle Einbußen, welche den Betrieb der Anlage in Frage stellten. Für Boxbrunn vermutet die Gruppe ein ähnliches Schicksal. Noch dazu sei nicht einmal klar, ob die Windstärke am geplanten Standort ausreiche.

Diese belastende Aussage hatte der Stadtrat in seiner Sitzung am Donnerstag vehement dementiert. “Es ist unverschämt zu behaupten, dass wir Räder dort bauen, wo kein Wind weht”, sagte Bernd Schötterl von den Freien Wählern. Doch die Köpfe der Bürgerinitiative trauen dem Rat nicht. Gutachter seien von persönlichen Interessen geleitetet und die Meinung der Bürger werde nicht ernst genommen, so der Vorwurf.

Überhaupt scheint letzteres den Boxbrunnern am sauersten aufzustoßen. Peter Bonefas ist verärgert: “Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt. Man kann alles in Frage stellen - den Rotmilan, die Mopsfledermaus - aber uns ist es wichtig, nicht übergangen zu werden.”

Als vor fünf Jahren das Thema Windkraft in Boxbrunn erstmals auftauchte, habe der Stadtrat den Bürgern Informationsveranstaltungen versprochen, so der Ortssprecher. Bei der bislang einzigen Bürgerversammlung sei den zweifelnden Boxbrunnern jedoch das Wort verboten worden. “Man hat uns auf Einzelgespräche vertröstet”, erzählt Tina Müller.

Weil auch seine Forderung nach einer Bürgerbefragung auf taube Ohren stieß, hat Peter Bonefas in Eigenregie Meinungen eingeholt. Das Ergebnis: 17 Boxbrunner enthielten sich der Stimme, sieben befürworteten die Windkrafträder und 90 seien dagegen. Die restlichen elf Einwohner hatte Bonefas bei seiner Befragung nicht angetroffen. Für die Bürgerinitiative ist nun klar: “Die Boxbrunner wollen keine Windkraftanlage!”

“Es ist vor allem eine Standortfrage” sagt Bonefas. Er vermute, dass der Stadtrat den voraussichtlichen Standort zwischen der hessischen Landesgrenze und dem Golfplatz Sansenhof nur deshalb gewählt habe, weil man die vier Krafträder dort von Amorbach aus nicht sehen könne. “Denen ist ihr Tourismus wichtiger als unserer”, sagt auch Tina Müller. Ein wachsendes Dorf wie Boxbrunn könne nun wohl bald nicht mehr auf Zuzug hoffen. Lärmemission, Infraschall und die Angst, die Windkrafträder könnten der ländlichen Idylle abträglich sein, sind Sorgen, die glaubhaft klingen.

Nur einen alternativen Standort weiß die Gruppe nicht. Etwas weiter vom Ort weg? Sicherlich! Aber auch die ehemals vom Stadtrat in Erwägung gezogenen Gegenentwürfe passen der Bürgerinitiative nicht. Es geht längst nicht mehr nur um das Einhalten der 10-H-Regel, die besagt, dass Windkrafträder einen Mindestabstand vom 10-fachen ihrer Höhe zu Wohnhäusern einhalten müssen. Am besten also gar keine Windräder auf der Boxbrunner Höhe.

Die Bürgerinitiative will nun in sozialen Netzwerken auf sich aufmerksam machen, ein Positionspapier verteilen und wenn möglich einen Stand auf dem Amorbacher Wendelinusmarkt im Herbst erwirken. “Wir müssen harte Argumente bringen. Wenn die Amorbacher besser informiert sind, werden wir bestimmt mehr Freunde finden”, ist sich Bonefas sicher. Die geplante Windkraftanlage wird indes weiter Thema im Stadtrat sein. Zunächst muss aber die Regierung von Unterfranken grünes Licht für das Projekt geben.

Sorge um den Infraschall

Das Argument Infraschall ist bei vielen Windkraftskeptikern beliebt. Sie befürchten Auswirkungen auf Körper und Psyche. Infraschall liegt unterhalb der Hörschwelle im tiefen Frequenzbereich. Bis zu einem Schalldruckpegel von 170 Dezibel (Windkraftanlagen liegen weit darunter) konnte jedoch keine schädliche Wirkung auf innere Organe oder das Gehör nachgewiesen werden. Psychische Auswirkungen sind auch unterhalb dieses hohen Pegels möglich. Dazu zählt beispielsweise eine Abnahme der Konzentrationsfähigkeit – in etwa ab einem Schalldruckpegel von 90 Dezibel. Im Nahbereich (bis 300 Meter) von modernen Windkraftanlagen wurden Infraschalldruckpegel von 55 bis 80 Dezibel gemessen, wobei der überwiegende Teil auf Umgebungsinfraschall zurückzuführen war. Alte Windkraftanlagen mit Strömungsabrissregelung können mitunter mehr Infraschall erzeugen. Infraschall wird auch natürlich durch Wind oder Gewitter, sowie durch Verkehr, Industrie und sogar durch Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen, Kühlschränke und Wärmepumpen verursacht.

Erschienen am 14. September 2015 im Main Echo 
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