»Die Tendenz geht zu super Rotweinen«

Weinanbau: Dank heißer Sommertage rechnet Winzermeister Ulrich Kremer mit erstklassigen Weinen, hofft aber auf ausreichend Feuchtigkeit in den Tagen vor der Ernte

Anhänglich wie Hündchen: Die Schafe und Ziegen dienen Ulrich Kremer eigentlich als Arbeitskräfte für den Weinberg, haben aber auch privat mit dem Winzermeister Freundschaft geschlossen. Foto: Julia Preißer

Großheubach. Die Weiterbildung zum Winzermeister schloss Ulrich Kremer im Juli als Bayerns Bester ab. Beide Prüfungsweine, ein regional typischer und ein Premium Spätburgunder, reifen derzeit in den Barriquefässern des elterlichen Winzerhofs. Dorthin ist Ulrich Kremer nach seiner Lehr- und Lernzeit in Ochsenfurt, Ihringen, Eschendorf und Beckstein zurückgekehrt. Gemeinsam mit seinem Vater Stefan bereitet er sich auf die diesjährige Weinernte vor. Nach der starken Hitze der vergangenen Wochen ist jetzt der plötzliche Wetterumschwung Thema bei den fränkischen Winzern. Über die Auswirkungen des Wetters auf Bewirtschaftung, Weinqualität und Ernte sprach Ulrich Kremer mit unserer Mitarbeiterin Julia Preißer.

Herr Kremer, wir hatten diesen Sommer starke Hitzeperioden. Was passiert da mit dem Wein?
Tendenziell ist Hitze für die Reifung erst einmal gut. Auch eine trockene Witterung kann von Vorteil sein, dann gibt es weniger Pilzdruck. Klar, genug Feuchtigkeit ist auch wichtig. Vor allem für die jungen Rebstöcke, die noch nicht so tief verwurzelt sind. Dabei geht es aber generell um die anhaltende Bodenfeuchte. Permanente oder große Niederschläge sind für die Beeren schädlich. Sie platzen auf und faulen.

Wie sind Sie der Trockenheit entgegen getreten?
Eine Zeit lang war es ziemlich kritisch. Wir hatten jetzt vor kurzem 20 Liter Niederschlag aber es hätte mehr sein können. Einen Teil der Trauben in den Junganlagen mussten wir raus schneiden, um die Stöcke zu retten. Wir haben von acht Hektar Anbaufläche rund drei Hektar junge Anlagen bis zum siebten oder achten Standjahr. Die kann man natürlich herkömmlich gießen aber wir wollten vermeiden, dass das Wasser direkt auf die Beeren kommt. Deshalb haben wir uns für die Tröpfchenbewässerung entschieden. Dabei werden Wasserschläuche unter die Reihe eingezogen. Sie haben in regelmäßigem Abstand Löcher und da tropft es kontinuierlich raus. Das ist im Prinzip wie beim Regen, nur dass das Wasser direkt dorthin kommt, wo es gebraucht wird. Und es tropft nicht so schnell – nur etwa 1,6 Liter die Stunde. In unserer Region wird das System kaum genutzt. Oben in Würzburg gibt es das häufiger.

Geht das nicht ordentlich ins Geld, wenn Sie einerseits den Ertrag reduzieren und andererseits künstlich bewässern müssen?
Natürlich. Da wir dieses Jahr auch in älteren Anlagen den Ertrag zurück genommen haben, werden wir mindestens zehn oder 15 Prozent weniger ernten wie normalerweise. Aber unsere Qualität wird verbessert. Um unseren Ansprüchen treu zu bleiben, war das eben notwendig. Was die Bewässerung angeht, da haben wir rund 20000 Euro für 15000 Meter Schlauch und dessen Installation ausgegeben. Toll war, dass die Gemeinde den Winzern durch eine günstige, öffentliche Wasserstation geholfen hat. Sonst hätten wir deutlich mehr bezahlt.

Wie stellen sich die deutschen Winzer langfristig auf den Klimawandel ein?
Wir gehen davon aus, dass wir immer mehr heiße und trockene Jahre bekommen. Wärme vertragen die Reben problemlos. Trockenheit könnte ein Problem werden. Sie stresst die Reben und das schmeckt man. Die Weine sind dann leicht bitter. Wobei der Rebstock auch mit der Zeit lernt, tiefer zu wurzeln, um dort sein Wasser zu holen. Das hat den Vorteil, dass die Mineralität der Weine steigt, weil die Wurzeln mehr ins Gestein und die lehmigen Schichten im Boden reichen. Der Winzer selbst muss eben schauen, dass er den Rebstock nicht zu sehr belastet, also etwa kleine Ruten anschneiden. Das Gute ist: Viele Schädlinge vermehren sich bei Hitze kaum.

Apropos Schädlinge: Wo steckt eigentlich die Kirschessigfliege? Die war doch letztes Jahr ein großes Thema im Weinbau.
Ja, die gibt es noch aber Probleme macht sie zur Zeit nicht. Ich bin einer der Beauftragten der Landesanstalt für Wein- und Gartenbau, die die Kirschessigfliege überwachen. Dazu habe ich im Weinberg eine Monitoringfläche mit Fallen, die die Fliege anlocken. Dann sortiere ich mit einem Binokularmikroskop die Kirschessigfliegen aus und gebe die Fangzahlen weiter. Es ist dieses Jahr eine minimale Population aber das muss nicht so bleiben. Letztes Jahr hatte die Kirschessigfliege optimale Witterung – oft bewölkt, diffuses Sonnenlicht, Feuchte. Wenn wir jetzt wieder vermehrt schlechtes Wetter bekommen, kann die Kirschessigfliege in den letzten Wochen vor der Ernte noch zum Problem werden. Die Population kann immens schnell wachsen.

Hat das extreme Wetter Auswirkungen auf den Erntebeginn?
Das würde ich jetzt nicht unbedingt sagen. Ich denk, dass wir Mitte September mit der Lese beginnen.

Und wie sieht es mit der Weinqualität aus?
Die Tendenz geht zu super Rotweinen. Auch im Premiumsegment der Weißweine wird es wieder Top-Qualitäten geben. Der Silvaner, der Riesling, der Weißburgunder oder der Chardonnay – das sind alles Weine, die es gerne warm haben. Die Frage ist, ob wir auch wieder junge, fruchtige Weine mit knackiger Säure bekommen. Das bezweifle ich eher. 2010, 2013 und auch 2014 waren Jahrgänge mit frischen, säurebetonten Weinen. Dafür war es dieses Jahr zu trocken. Der Winzer hat natürlich noch Einfluss darauf, indem er entscheidet, wann er mit der Lese beginnt. Säure wird ja mit der Zeit immer mehr abgebaut und das Mostgewicht steigt. Je früher ich lese, desto mehr Säure habe ich im Wein. Im Allgemeinen bevorzugt man säurearme Weine aber es muss natürlich vom Verhältnis passen. Ich muss schauen: Brauche ich mehr Süße oder mehr Säure und Frucht? Wichtig ist die optimale, physiologische Reife.

Vielen Dank für das Gespräch.

Weinbewirtschaftung mit Tieren

Fünf tierische Helfer packen neuerdings auf den Weinbergen des Winzerhofs Kremer tatkräftig mit an. Sohn Ulrich Kremer hat gemeinsam mit seiner Freundin drei Schafe und zwei Ziegen erworben, die nun tagsüber die Weinflächen hegen. Am liebsten fressen die Jungtiere die Blätter der Weinstöcke. So gelangt mehr Sonne an die Trauben. Außerdem dient die Ausdünnung der Nährstoffzufuhr. Auch für den Boden leisten die Tiere ganze Arbeit. Ihre Tritte festigen die Erde, ihr Maul malt das Unkraut klein. Dabei sind die Schafe und Ziegen wahre Böschungsmulcher und verhindern, dass unerwünschte Pflanzen wie Brennnesseln oder Goldrute zu wuchern beginnen. Noch vor 50 Jahren hielten viele deutsche Winzer wie selbstverständlich Tiere – vorzugsweise Gänse oder Hühner, seltener Schafe. Deren Ausscheidungen dienten als natürliches Düngemittel. Heute gehört die Weinbewirtschaftung mit Hilfe von Tieren in Deutschland zur Seltenheit. Weit verbreitet ist sie in den ländlichen Regionen Neuseelands. Winzer, die über eine Bewirtschaftung mit Tieren nachdenken, sollten gewährleisten, dass sie Spritzungen mit chemischen Pestiziden sowie Schwefel und Kupfer auf ein Minimum beschränken ober besser ganz vermeiden und dafür auf biologischen Weinbau setzen.

Erschienen am 29. August 2015 im Main Echo 
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