Blumig: Bouquets und Körperschmuck

Berufs-WM: Thomas Ratschker aus Mönchberg ist Juror in Brasilien und coacht als Experte den deutschen Teilnehmer der Floristen Tobias Niefenecker

Elsenfeld. Ursprünglich wollte der Mönchberger Thomas Ratschker Jurist werden, jetzt ist er Juror und zwar bei der Weltmeisterschaft der nichtakademischen Berufe, den Worldskills, im brasilianischen Sao Paulo. Die Türen dazu hat ihm seine große Leidenschaft geöffnet, die er letztlich zum Beruf gemacht hat: Der 54-Jährige ist Florist. Mehr als 1000 Teilnehmer aus 46 Berufen messen bei der WM in Brasilien ihr fachliches Können. Beim Wettbewerb der Floristen treten 21 Länder gegeneinander an. Ratschker sitzt als Experte nicht nur in der Jury, sondern unterstützt und coacht den deutschen Kandidaten, den Floristen Tobias Niefenecker aus München-Fürstenried. Seit Mittwoch befinden sich beide in Übersee.

Der Mönchberger Ratschker legt in Brasilien gemeinsam mit den anderen Juroren aus aller Welt die Bewertungskriterien für den Wettbewerb fest, während der 18-jährige Niefenecker im Übungscamp lernt, wie man am besten mit der Presse umgeht. Überzeugt er bei der WM vom 12. bis 15. August, wird er sein mediales Wissen brauchen. Denn die Gewinner der jeweiligen Berufssparten erlangen über die Branche hinaus Bekanntheit und können auf eine steile Karriere hoffen.

Ratschker und sein Schützling Niefenecker sind beide das erste Mal dabei. Ratschker, der angehende Floristen an der Berufsschule in München unterrichtet, wurde vom Deutschen Floristenverband für das Ehrenamt des Jurors vorgeschlagen. Niefenecker hat der Sieg beim Nachwuchswettbewerb der Deutschen Meisterschaft die Tür zur WM geöffnet.

Gemeinsam haben sie in den vergangen Wochen trainiert. Vor Ort in Brasilien dürfen sich beide laut Wettkampfordnung nur eine Stunde täglich absprechen – im sogenannten Competition Camp. „Das Schwierigste ist, nicht zu wissen, welche Themen drankommen“, erzählt Ratschker. Deshalb sei es am besten, im Betriebsalltag zu üben und auch mal einen ausgefallenen Kundenwunsch zu realisieren.

Etwas Orientierung gebe die WM von letztem Jahr. Damals mussten die Teilnehmer unter anderem floralen Körperschmuck basteln, einen Paravent mit Blumen schmücken und ein hängendes Raumbouquet gestalten. Zehn Aufgaben sind es jedes Jahr. Tobias Niefenecker hat unter der Anleitung seines Coaches als Übung ein Blumengebinde gebaut, das sich mutige Modebegeisterte um die Hüfte legen können.

Thomas Ratschker gibt dem 18-Jährigen noch einen wertvollen Tipp: „Voll in der Arbeit aufgehen und während der kompletten Prüfungszeit konzentriert am Ball bleiben“. Für eine gute Bewertung sorge nicht nur das Ergebnis der Arbeiten. „Wenn die Juroren mitbekommen, dass einer die ganze Zeit in der Gegend herumschaut, statt sich auf seine Arbeit zu fokusieren, fällt das negativ ins Gewicht. Die Jury will Anstrengung sehen – da darf ruhig auch mal der Schweiß fließen.“

Seinen Platz in der Jury will Ratschker nicht missen. „Ich fühle mich dazu berufen, andere zu coachen. Selbst möchte ich nicht bei Meisterschaften antreten“, sagt er. Sein Lebensweg ist ungewöhnlich. Das Jura-Studium brach er nach sechs Semestern ab, zog danach als DJ durch Deutschlands Diskotheken. Die Liebe zur Floristik entdeckte er mit Anfang 20, als er für seine Freundin und spätere Frau als Blumenlieferant nach Holland fuhr.

An seinem ersten Tag in der Berufsschule war er 27 und seine Mitschüler hielten ihn für den Lehrer. Mit 33 machte er seinen Meister und eröffnete danach zwei Fachgeschäfte. „Wichtig ist mir der Respekt vor den Blumen“, sagt er. „Sie brauchen Raum zur Entfaltung und dürfen im Strauß nicht zu eng gebunden werden. Trotzdem muss das Gebinde halten.“ Herausforderungen mit denen auch Tobias Niefenecker in dieser Woche kämpfen muss. Als Talisman arbeitet er mit einer personalisierten Schere. Die hat ihm sein Vater – ein Werkzeugmacher – gefertigt. Ob sie ihm Glück bringt, wird sich bald zeigen.

Der Floristik-Markt

Rund drei Milliarden Euro geben die Deutschen jährlich für Schnittblumen aus. Damit liegt die Bundesrepublik weltweit an der Spitze. Auffällig sind allerdings zwei Trends, die den heimischen Floristen schaden. Viele Deutsche kaufen Blumen nicht im Fachgeschäft, sondern im Supermarkt, an der Tankstelle oder im Baumarkt, wo der Strauß wesentlich günstiger angeboten wird. Außerdem werben große Konzerne mit Fair Trade Produkten. Diese sorgen dafür, dass Arbeiter im Ausland besser bezahlt werden. Die Blumen werden dann oft bereits fertig gebunden nach Deutschland importiert und machen die Arbeit der Floristen überflüssig. Um ihr Marktsegment zu sichern, setzen diese deshalb auf fachliche Beratung und Haltbarkeitsgarantien. Eine erfreuliche Entwicklung für die Branche: Die Kunden lassen sich Feiern und Jubiläen mehr kosten. 100 Euro investiert der Durchschnittsdeutsche an Valentinstag für seinen Partner. Ein großer Teil davon fällt auf Schnittblumen.

Erschienen am 8. August 2015 im Main Echo 
»Die Tendenz geht zu super Rotweinen«
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