Wanderduo kämpft mit 170 Kilometern

Zwei Südspessarter wagen Wander-WM - Tag und Nacht durchwandern

Stadtprozelten. Ab Mitternacht werden sie kämpfen müssen. Da sind sie etwa bei Kilometer 70 und haben noch rund 100 Kilometer vor sich. Zwei Physiotherapeuten aus Stadtprozelten und Faulbach schultern dieses Wochenende die Wanderrucksäcke für eine besondere Weltmeisterschaft. Der XTreme-Marsch führt die beiden auf 170 Kilometern und über insgesamt 3600 Höhenmeter durch den Thüringer Wald. Aufgeben kommt nicht in Frage!

“Das ist so brutal, das macht man nicht zum Spaß. Da geht’s ums Gewinnen”, sagt Dirk Schneider (39). Gemeinsam mit seiner Wanderpartnerin und Kollegin Sandra Horlebein (38) war Schneider vor zwei Jahren schon einmal am Start. Da hätten sie beinahe auf dem Siegertreppchen gestanden, hatten sich aber 20 Kilometer vor dem Ziel verlaufen. “Wir sind einfach den Rennsteig weiter, dabei hätten wir auf einen anderen Pfad abbiegen müssen”, erzählt Horlebein.

Diesmal sind die zwei gewappnet: Mit Karte, GPS und Uhrzeit-Tracker. Los gehts am Samstag, 8 Uhr morgens in Blankenstein. Sie werden die Nacht durchmarschieren und am nächsten Tag gegen 7 Uhr in Gumpelstadt einlaufen. Der Plan ist durchgetaktet. Auf einem Zettel haben sie notiert, wann sie welche Zwischenstation passieren müssen, um gut in der Zeit zu liegen. Zwischen dem Erst- und dem Letztplatzierten liegen in der Regel rund 16 Stunden. Erster wird nur, wer sich keine Pause gönnt.

Schon vor zwei Jahren hatte ihnen der Wettkampf alles abverlangt. Dirk Schneider litt unter Knieschmerzen. Sandra Horlebein kämpfte mit Blasen so groß wie Hühnereier. Unter Extrembelastung kann der Fuß um bis zu eineinhalb Schuhgrößen anschwellen. Die Wanderstiefel haben die Sportler deshalb größer gekauft. Am Ende, das wissen beide, zählt eiserner Wille. “Ich bin kein Profi-Sportler”, sagt Sandra Horlebein. “Das letzte Mal hab ich irgendwann einfach den Kopf ausgeschaltet und bin weiter.”

Gegen die Erschöpfung hat Dirk Schneider eine Geheimwaffe: Koffein. Der Kaffee-Abstinentler will sich mit zwei Dosen Energydrink durch die Nacht retten. “Wer gewinnen will, darf nicht schlafen”, sagt er. Zwei Stunden nach Mitternacht sei der Tiefpunkt überwunden. Dann müsse man nur aufpassen, dass man sich in der Dunkelheit nicht verletzte. Ein verstauchter Knöchel könne das Ende des Wettbewerbs bedeuten. Sanitäter halten sich auf Abruf bereit, um Verletzte abzuholen.

Wenn alles glatt geht, könnten sie gewinnen, glaubt Schneider. “Wir beide oder zumindest einer.” Frauen und Männer werden getrennt voneinander bewertet. Trotzdem sind sie ein Team, haben gemeinsam trainiert, wollen die Strecke überwiegend zu zweit bestreiten. Er ist gut bergauf, sie schneller auf der Ebene. Ab und an trennen sie sich deshalb, holen sich aber meist irgendwann wieder ein.

Am schwierigsten sei es gewesen, als sie erfahren mussten, dass der Marsch coronabedingt verschoben wurde, erzählt Sandra Horlebein. Wochenlang hatten beide eine strenge Diät befolgt. Nun war der Wettkampf in die Ferne gerückt. Dirk Schneider fastete weiter, Sandra Horlebein gönnte sich eine Auszeit. Nun ist sie wieder fit. Steht in den Startlöchern.

Protein-Riegel, Energy-Gels, Elektrolyte-Drinks, Cola, Trockenfleisch, Bananen, Würstchen und Käsebrötchen sollen den Blutzuckerspiegel auf Trab halten. “Fett hält lang vor”, erzählt Dirk Schneider. “Die Kohlenhydrate sind für die letzten Kilometer, wenns um alles geht.” Den Proviant müssen die beiden zum Glück nicht schleppen. In den 2,5 Kilogramm schweren Rucksäcken verstauen sie nur das Nötigste - vor allem Pflaster und Tapes. Am Gürtel hängen Fläschchen mit Getränken und Energy-Gel. Alle Teilnehmer können ihren Proviant an den Zwischenstationen auffüllen, quasie im Vorbeilaufen. Zeit für Rast bleibt kaum. Der Zeitplan ist streng.

Dirk Schneider ist der Motivator des Teams. Kaum ist ein Wettkampf gemeistert, hat er schon den nächsten im Visier. Der Mosel-Marsch? Wenig reizvoll. “Da gehts ja nur auf Asphalt.” Ein Marathon? Zu mainstream. Bliebe der Marsch durch die Sahara. Der wiederum flößt dem 39-Jährigen Respekt ein. “Hitze und Sanddünen. Das ist schon heftig!” Jetzt gehe es dem Team aber erstmal um eines: Die begehrte XTreme-Marsch-Medaille nach Hause zu tragen.

Hintergrund: Rennsteig-XTreme-Marsch

Der XTreme-Marsch ist der längste von vier Wandermeisterschaften am Thüringer Rennsteig. Auf knapp 170 Kilometer kämpfen am Wochenende Menschen aus ganz Europa um den Titel. Der Marsch beginnt in Blankenstein (Saale). Ziel ist die St. Georg Kirche in Gumpelstadt. Dazwischen liegen zirka 3600 Höhenmeter durch den Thüringer Wald. Damit die Wanderer nicht abkürzen können, müssen sie sich an jeder Zwischenstation digital einchecken und Erfolgskontrollpunkte (ECPs) sammeln. Die Jury kontrolliert außerdem die Geschwindigkeit der Läufer. Wer längere Zeit joggt gilt nicht mehr als Wanderer. und scheidet aus. Sandra Horlebein und Dirk Schneider haben sich eine Durschnittsgeschwindigkeit von 7,1 Kilometer pro Stunde vorgenommen. Damit könnten sie in rund 23 Stunden am Ziel sein.

Erschienen am 7. August 2021 im Main Echo 
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