Mehr als Meckern

Tiergeschichten: Die Ziege ist offizielles “Haustier des Jahres” - Ein Besuch bei den temperamentvollen und gar nicht doofen Paarhufern

Foto: Julia Preißer

Elsenfeld. Timmy und Johnny haben “ihre fünf Minuten”. So nennen es die Tierpfleger im Elsavapark, wenn die beiden Ziegenböcke miteinander ranken. Da können sich schon mal die Hörner ineinander verkanten und Herbert Schierling muss die Raufbolde dann trennen. Der Tierpfleger genießt Autorität. Er hat dabei geholfen, die beiden Böcke, die als Jungtiere zu Waisen geworden waren, mit der Flasche aufzuziehen.

Heute geht es Timmy und Johnny prächtig. Jeden Tag entscheidet eine morgendliche Kabbelei darüber, wer “Chef im Ring” ist. Die Vorteile der Chefposition wiegen schwer: Drei Kilo Gemüse und Obst haben die ehrenamtlichen Helfer vom Freundeskreis Elsavapark geschnippelt und auf Eimer verteilt. Und der Chef kriegt natürlich die erste Kostprobe.

Dieser Duft! Die Ziegen stecken schon ihre Nasen durch den Zaun, als die Tierpflegerinnen Carmen Brenner und Sandra Daniel die Gehegetür aufschließt. Allen voran: Johnny. Er hat die Rangelei für sich entschieden und versenkt seine Schnauze im Eimer mit den Leckereien: Paprika, Möhren, Gurken, Trauben und Melonen. “Nur Brot gibt es nicht”, erklärt Brenner. “Das ist schädlich für die Leber der Ziegen.”

Die Zutaten für das Festmahl spenden örtliche Supermärkte. Die meisten Lebensmittel sind zwar abgelaufen, aber dennoch verwertbar. Die Pfleger schneiden die braunen Stellen an Äpfeln, Bananen und Kohl weg und geben die noch frischen Schnipsel den Ziegen und den Kaninchen im “Hasendorf”. Der Salat ist zwar welk, doch ein Festmahl für die Laufenten, die sich sofort darüber hermachen.

15 Tierarten haben im Elsavapark ihr Zuhause gefunden. Darunter auch seltene Exemplare wie der schimmernde Goldfasan. 2009 öffnete der Streichelzoo seine Pforten. Kinder und Tiere können hier miteinander auf Tuchfühlung gehen. Das Projekt sprach sich herum, was zur Folge hatte, dass nicht nur immer mehr Kinder, sondern auch immer mehr Tiere kamen.

Sie stammen häufig aus Familien, die sich nicht mehr kümmern können. Einige werden auch vom Veterinäramt gebracht, weil sie verwahrlost, misshandelt oder ausgesetzt wurden. Verletzte Tiere dürfen sich in der Tierklinik oder bei einem der ehrenamtlichen Helfer erholen. Louis Rachor (14) gewährt mehreren Meerschweinchen und Vögeln Unterschlupf. Jeden Morgen weckt ihn Vogelgesang. Er will später mal einen Gnadenhof führen. Seine Teamkollegin Ronja Janetschek (12) eifert ihm nach. Ihre Eltern haben bereits Gehege gekauft, um Tiere aufnehmen zu können, wenn Not am Mann ist.

Die Hälfte der Ehrenamtlichen sind Jugendliche. Viele kamen in den letzten Monaten dazu. Die Tierpflege an der frischen Luft ist ein abwechslungsreiches Hobby im Corona-Lockdown. Annabelle Büttner (13) erzählt von ihren Erfahrungen mit den Ziegen, die an ihrem Halstuch knabbern, wenn sie mal nicht aufpasst. Louis weiß um die Intelligenz der Paarhufer, die sich abgeschaut haben, wie man den Wasserhahn aufdreht oder die Tür zum Hasenstall öffnet. Als erstes lernen die Jugendlichen deshalb, immer den Sicherungsriegel vorzuschieben und den Hahn zu sichern.

Doch wie sperrt man Fuchs und Marder aus, die nachts um den Hühnerstall schleichen? Wie hindert man die Kaninchen daran, den Zaun zu unterbuddeln und abzuhauen? Und was tun, wenn sich die vormals kleinen Schweinchen so rund gefressen haben, dass sie nicht mehr durch die Tür ihres Unterschlupfs passen?

Mit findigen Ideen möbelten die Handwerker Björn Henn und Günther Geis das Gehege in den letzten Jahren auf. Die rund gemästeten Schweine Hänsel und Gretel hausen nun in einer formidablen Hütte. Das Hasengehege ist durch Bodenplatten abgesichert und ein neuer Metallzaun begrenzt die Anlage. Den Entenstall schützt ein Netz. Die Ziegen wiederum freuen sich über eine “Burg” zum Klettern.

Dort wachen sie über das Gelände. Eindringlinge haben keine Chance. Carmen Brenners Hund Pino weiß davon ein Lied zu singen. Gutmütig schnupperte er am schlafenden Schwein Gretel, als Ziege Cilly - sonst von sanftem Gemüt - von der Burg sprang und den ungebetenen Gast vom Hof jagte. “Ziegen erstaunen einen immer wieder”, schmunzelt Brenner. “Da hat Cilly das Schwein als Teil ihrer Herde erkannt und verteidigt”. Sogar einen Wutschrei soll sie ausgestoßen haben. Ziegen können eben mehr als nur meckern.

Hintergrund: Ziegen

In verschiedenen Ländern wählen Verbände oder Vereine jährlich ein Haustier des Jahres. In Deutschland übernimmt die Wahl die Stiftung Bündnis Mensch & Tier. In diesem Jahr ging der “Orden” an die Ziege. Die Stiftung ruft mit ihrer Aktion zu einer artgerechten Ziegenhaltung auf und informiert über Schutzkampagnen. Die Ziege gilt als eines der ältesten Haustiere. Zehn interessante Fakten: Ziegen…
… können mehr, als nur meckern. Die Lautsprache reicht von Kreischen, bis zum Zungenschnalzen. Wissenschaftler fanden heraus, dass Ziegenmütter ihren Nachwuchs anhand der Rufe selbst nach einem Jahr Trennung wiedererkennen. Demnach haben Ziegen ein erstaunliches Langzeitgedächtnis.
… sind gesellige und hochemotionale Tiere. Werden sie von ihrer Herde getrennt oder müssen allein leben, können sie sogar Depressionen entwickeln.
… zeigen Empathie - auch Menschen gegenüber. Deshalb werden sie in einigen psychosomatischen Kliniken zur tiergestützten Therapie eingesetzt. Sie spiegeln das Verhalten ihres Gegenübers und können bei Depressionen, Angststörungen oder Zwängen helfen.
… zeigen eine penible Sauberkeit und sind bei der Auswahl ihres Futters wählerisch. Die Ziegen des Elsavaparks fressen am liebsten aus der Hand und mögen es gar nicht, wenn ihr Futter auf denselben Boden fällt, über den soeben noch das Schwein spaziert ist.
… sind intelligent und können Befehle wie “Sitz!”, “Platz!” oder “Gib Hufe!” lernen. Auf Ziegenschauen werden Zuchtziegen deshalb nicht nur ausgestellt, sondern müssen ihre Cleverness auch bei sportlichen Aktion und beim “Rätselraten” unter Beweis stellen.
… sind wasserscheu und hassen Regen. Die Tierpfleger im Elsavapark wissen lang im Voraus, ob sich ein Sommerregen ankündigt. Bevor die ersten Tropfen fallen, werden die Ziegen unruhig und verkriechen sich.
… besitzen die Fähigkeit zur Mustererkennung und können in gewissem Maße abstrakt denken. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Ziegen verschiedene Symbole unterscheiden und zu Gruppen ordnen können.
… sind Vorkämpfer für Biodiversität. Indem sie schnell wachsende Pflanzen auf Wiesen kleinhalten, schaffen sie einen Lebensraum für Tierarten, die sonst verdrängt würden. Somit leisten sie einen messbaren Beitrag zum Artenschutz.
… sind Menschen gegenüber meist friedsam. Zu Rangkämpfen untereinander kann es kommen, wenn eine junge Ziege einer alten den Rang streitig macht, wenn es sich um Geschwister aus dem gleichen Wurf handelt oder wenn sich eine neue Ziege in die Herde integrieren muss.
Wer sich die Loyalität einer Ziege verdienen will, muss ihre “Sprache” sprechen. Sie lernt man zum Beispiel auf “Ziegenwanderungen” oder bei “Hindernisparcours”, wie ihn der Freundeskreis Elsavapark vor einigen Jahren im Rahmen der Ferienspiele angeboten hat.

Erschienen am 29. Mai 2021 im Main Echo 
Der Pfarrer und das liebe Vieh
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