12-Jähriger rettet wilde Ziegen vor Abschuss

Fangaktion: Lorenz Goldhammer tüftelte an abenteuerlicher Konstruktion, um die streunenden Tiere zu fassen

Besuchen "ihre" Ziegen im Stall: Lorenz (links) und Julius Goldhammer. Foto: Julia Preißer

Sulzbach-Soden. Die Sodener feiern diese Tage einen kleinen Helden. Der 12-jährige Lorenz Goldhammer hat mit einer abenteuerlichen Konstruktion vier wilde Ziegen eingefangen. Die wahrscheinlich ausgesetzten Tiere waren schon seit Mai in Soden am Streunen, störten den Verkehr und grasten Vorgärten ab. Viele hatten versucht, sie einzufangen, alle scheiterten - bis jetzt.

Eigentlich waren die Tage der Ziegen gezählt. Das Landratsamt hatte sie zum Abschuss freigegeben. Dass die Ziegen nun die Sicherheit eines warmen Stalls genießen können, verdanken sie der Ausdauer und dem Erfindergeist von Lorenz Goldhammer. Gemeinsam mit seinem Bruder Julius bastelte er an einer für die Tiere harmlosen aber wirksamen Falle.

Da die drei Geißen und der kastrierte Bock vor Menschen sofort Reißaus nahmen, musste eine besonders findige Lösung her. Gut, dass die Ziegen das Areal rund um die Gartenhütte der Goldhammers als vertrautes Terrain kannten. Seit der Regenfälle letzte Woche kamen sie immer wieder in die Hütte, um Schutz zu suchen.

Zunächst probierten Lorenz und Julius, die Tiere mit Broten anzulocken und sie dann zu fangen. Der Versuch schlug fehl. Also tüftelten die Brüder weiter. Sie banden um den Türknauf der offenen Gartenhütte ein 20 Meter langes Seil, führten es an einem Klettergerüst um die Ecke und legten es hinauf an den Balkon ihres Elternhauses. Dort lauerten sie und harrten, der Dinge, die kamen.

In der sonntäglichen Ruhe, suchten Ziege Nummer eins und zwei ihren Unterschlupf auf und wurden von Lorenz überwältigt. Ein kurzer Zug am Seil - Klappe zu, Ziege lebt. Der zweite Streich folgte tags darauf. Ziege Nummer drei und vier hatten die Fangaktion zwar kritisch und aus sicherer Distanz beobachtet, waren aber trotzdem so verwirrt, dass sie ebenfalls in die Falle tappten.

“Das mit dem Seil war eigentlich eine ganz spontane Idee”, erzählt der 12-jährige Lorenz. “Ich dachte mir: Es haben schon so viele versucht, die Ziegen zu fangen, warum nicht ich?” Dass er als Kind mehr Erfindergeist hatte, als alle Erwachsenen zusammen, freut auch Großvater Richard Goldhammer. “Für mich sind die beiden die Helden der Woche”, sagt er und ergänzt: “So eine gewitzte Sache!”

Lorenz und Julius bekamen für die Rettungsaktion ein dickes Lob und eine Fangprämie von der Marktgemeinde. Bürgermeister Peter Maurer ist sichtlich erleichtert, dass er “seine” Ziegen nun ins Trockene gebracht hat. “Wir hätten ungern das Signal zum Abschuss gegeben. Mir war wichtig, dass es ein gutes Ende nimmt.”

Der Weg der vier Unruhestifter ist für das nächste halbe Jahr vorgezeichnet. Sie leben nun auf einem Sodener Bauernhof und müssen sich langsam wieder an Menschen gewöhnen. Ob sie danach in einem Tierpark unterkommen oder vom Hof übernommen werden, ist noch unklar. Einen Namen haben die Vier übrigens noch nicht. “Der Bock könnte Marvin heißen”, schlägt Julius vor. Die Mutter hält dagegen: “Das ist doch kein Name für eine Ziege.” Jetzt sind wohl mal wieder die Sodener gefragt.

Hintergrund: Ziegen-Fangaktion

Seit Mai diesen Jahres grasten vier Ziegen rund um Soden (Gemeinde Sulzbach). Woher sie kamen, weiß niemand. Im Sommer stellte die Marktgemeinde zwischen Soden und Gailbach ein Warnschild für Autofahrer auf. Etwa um dieselbe Zeit gab es erste Fangversuche. Insgesamt acht Anwohner versuchten vor Einbruch des Herbstes, die Unruhestifter zu fassen. Mitte November sollten die Tiere zum Abschuss freigegeben werden. Entschieden hatte dies das Landratsamt. Die Sulzbacher Jäger hingegen weigerten sich, die Ziegen zu schießen. Die Marktgemeinde spielte daraufhin mit dem Gedanken, die Tiere mit Betäubungspfeilen ruhig zu stellen. Die Idee wurde bald verworfen, da man dadurch zunächst nur eine Ziege hätte fangen können und die anderen drei noch mehr verschreckt hätte. Anfang dieser Woche fing dann der 12-jährige Lorenz Goldhammer alle vier Ziegen.

Erschienen am 10. November 2017 im Main Echo 
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