Perücken für Krebspatientinnen

Haarersatz: Zweithaarfriseurin Natascha Repp gibt Kundinnen ihre Identität zurück

Fachfrau für Haarersatz: Natascha Repp schneidet, bedampft und formt Perückenrohlinge individuall für ihre Kundinnen. Foto: Julia Preißer

Großheubach Eigentlich wollte sie zum Theater - als Visagistin die Schauspieler hinter der Bühne schön machen. Heute hilft sie Menschen, die ihre Haare verloren haben. Natascha Repp aus Großheubach ist Zweithaarfriseurin. Wer zu ihr kommt, hat oft eine lange Leidensgeschichte hinter sich.

Meist sitzen Frauen auf dem Frisierstuhl vor dem Spiegel - Krebspatientinnen. Sie haben keine Haare auf dem Kopf, keine Augenbrauen, keine Wimpern. Es sind Frauen, die sich nicht abfinden wollen mit ihrem Schicksal. Die manchmal verzweifelt sind und sich oft schämen.

Haare, so sagt der Volksmund, sind das Spiegelbild der Seele, offenbaren den Charakter des Trägers: Ein Bob wirkt kompetent, ein Pferdeschwanz verspielt. Wer ungewollt Glatze trägt, verliert manchmal auch einen Teil seiner selbst. Perücken können dem Träger seine Identität wiedergeben.

“Ich habe mich gefühlt wie eine Königin”, erzählt Gabriele Haub von ihrem ersten Besuch im Zweithaarstudio. Die Elsenfelderin geht offen mit ihrer Krankheit um, will sich nicht verstecken. “Irgendwann muss man dazu stehen”, sagt sie. 2017 erhielt sie die Diagnose Harnleiterkarzinom. Die erste Chemotherapie schlug an, dann im Herbst 2018 der Schock: Metastasen in Lymphknoten und Bauchfell.

Man sieht Gabriele Haub die Krankheit nicht an. Das Gesicht ist gebräunt, der Blick wach. Die 60-Jährige wirkt jung für ihr Alter, die flotte Kurzhaarperücke steht ihr. Der Umgang mit dem Haarausfall sei erst schwierig gewesen, sagt sie. “Ich wollte nicht, dass jemand merkt, dass ich Perücke trage und dachte, ich muss eins zu eins wie vorher aussehen.”

Vor der Diagnose trug sie die Haare lang, entschied sich dennoch für eine Kurzhaarperücke. Sie ist leicht zu pflegen und günstiger. Hochwertige Perücken aus Kunsthaar starten bei 600 Euro, eine Echthaarperücke ist nicht unter 1300 Euro zu haben. Repp empfiehlt Echthaar bei langen Frisuren, weil es sich besser an Hals und Gesicht schmiegt. Kunsthaar hingegen bringt Halt in strubbelige Pixies.

Mit ihren Kunden bespricht die Friseurin Haarlänge- und struktur, zeigt Musterfarben und bestellt anschließend bis zu vier Perücken in Rohform zur Probe. Termine werden kurzfristig vereinbart. Wenn die erste Chemotherapie ansteht, muss es oft schnell gehen. Nach etwa zwei Wochen fallen den Patientinnen die Haare aus - Haarnester in Dusche und Bürste. Viele wollen das nicht abwarten, rasieren sich den Kopf schon vorher.

Mit dem Elektrorasierer an die eigenen Kopfhaare zu gehen fällt Frauen schwer. Zum Service im Zweithaarstudio gehört deshalb auch das Rasieren. Wer dabei weggucken will, liest ein Buch. Einen Zentimeter Resthaar lässt Repp für gewöhnlich stehen - damit der Anblick kein Schock wird und sich die Kundinnen langsam an den Haarverlust gewöhnen.

Der Blick in den Spiegel ist auch beim Aufsetzen des Perückenrohlings ungewohnt. 200.000 Haare hat eine Perücke im Schnitt, fast doppelt so viele wie ein Mensch. Sie sind auf feine Tressen und Spitze geknüpft - das sogenannte Monofilament. Meist stammen sie aus Indien, Bangladesch oder Rumänien. Natascha Repp schneidet das Haar auf dem Kopf der Kundin zurecht, dünnt aus, nutzt Dampfgeräte, um zu locken oder zu glätten und schneidet kurze Babyhärchen am Ansatz, damit die Frisur natürlich wirkt.

Das Wichtigste, so sagt sie, sei das Bauchgefühl. Wenn das nein sage, rede sie ihren Kunden eine Frisur schonmal aus. So wie bei der Punkerin mit lilafarbenem Haar, die sich eine blonde Langhaarperücke wünschte. “Ich sagte zu ihr: Da hab ich keinen Bock drauf. Das passt nicht zu Ihnen.” Letztendlich bekam die Kundin einen Irokesenschnitt. Auch das ist mit Perücken möglich.

Berührungsängste hat die Friseurmeisterin nicht. Doch manchmal muss sie schlucken. Etwa dann, wenn Kunden ihre Geschichte erzählen und plötzlich Tränen fließen. Krankheitsleiden sind oft so intim, dass nicht mal mehr die beste Freundin davon erfährt. In Natascha Repps Studio wird das Leid nicht totgeschwiegen. Doch im Mittelpunkt steht es auch nicht. Es ist allenfalls Randfigur bei einem Friseurbesuch, der wie jeder andere der Schönheit gewidmet ist.

Interview:

“Ich dachte: Das muss doch besser gehen”

Zweithaarexpertin Natascha Repp verhilft Kunden zu vollem Haar. Wie sie zu dem ungewöhnlichen Beruf fand und was möglich ist, wenn Haare ausfallen, darüber spricht sie im Interview.

Sie haben einen ungewöhnlichen Job. Wie kam es dazu?
Ich bin schon früh mit dem Thema Perücken in Berührung gekommen, habe in Köln eine Ausbildung zur Visagistin gemacht. Da ich wieder an den Untermain zurück wollte, habe ich ein Praktikum bei RTL ausgeschlagen und mich als Friseurmeisterin selbstständig gemacht. Dann bekam die Freundin meiner Mutter die Diagnose Krebs. Ich sah ihre Perücke und dachte: Die ist ja fürchterlich. Das muss doch besser gehen. Mehr aus Interesse habe ich in Fulda ein Zweithaar-Seminar besucht und war überwältigt, was man mit Perücken machen kann. Auch beim Thema Haarverdichtung ist viel möglich.

Zum Beispiel?
Es müssen nicht immer Extensions oder das Toupet sein. Wenn noch Resthaar da ist - etwa bei Hormonstörungen oder erblich bedingtem Haarausfall - können wir Echthaar mit dem Eigenhaar verweben oder mittels Bondingring befestigen. Das ist praktisch unsichtbar und gut dafür geeignet, einen breiten Scheitel zu kaschieren. Leider wird das Thema immer noch totgeschwiegen. Viele haben Angst, dass eine Haarverdichtung unnatürlich wirkt. Dabei kann man das Fremdhaar in Farbe, Struktur und Länge dem Eigenhaar anpassen. Das Manko ist der Kostenpunkt: Haarverdichtungen starten bei etwa 1000 Euro.

Müssen die Kunden die Kosten selbst tragen?
Nicht komplett. Bei krankheitsbedingtem Haarausfall bei Frauen übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen bis zu 390 Euro für Perücken und meist etwas mehr für Haarverdichtungen. Generell haben Frauen mit Haarausfall einmal pro Jahr Anspruch auf einen Haarersatz, brauchen dafür aber ein Rezept vom Hausarzt oder Dermatologen.

Erschienen am 4. Januar 2019 im Main Echo 
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